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A pochi passi dalla guerra

// Redazione //
Chiara Corrarati, nata a Bolzano nel 1998, dopo aver frequentato il Liceo delle Scienze Umane opzione Economico - Sociale ha preso la decisione di continuare il suo percorso di studi presso l’Università di Riga Stradins facoltà di Medicina in Lettonia. Una scelta coraggiosa per vari motivi.
© Loreta.lukina / Wikimedia Commons
1. Cosa ti ha spinto a prendere la decisione di studiare Medicina a Riga?
Studiare Medicina è da sempre stato il mio sogno e la possibilità di mettermi in gioco e scoprire nuove culture mi ha da subito affascinata.
2. Quali sono i pro e i contro di vivere e studiare lontani da casa?
I pro sono sicuramente il potersi relazionare con nuove culture e il senso di indipendenza, mentre i contro sono di doversi tutelare e trovare la forza per superare gli ostacoli quotidiani che possono servire a formare il carattere di ognuno di noi.
3. Come stai vivendo questo momento difficile? Prima il Coronavirus e poi la guerra…
Questa situazione, che si è verificata in Ucraina proprio a pochi passi da me, mi ha preoccupata molto, soprattutto per le persone che soffrono. In precedenza con il Coronavirus ho avuto molte difficoltà nel tornare a casa per via delle restrizioni e dei voli cancellati. Queste situazioni mi fanno capire quanto siano importanti le persone che ami e la propria casa. Non sentirsi al sicuro è una delle peggiori sensazioni.
4. Quale messaggio vorresti dare alle nuove generazioni di giovani donne?
Il futuro è pieno di ostacoli, soprattutto per noi donne, ma la chiave del successo è di non arrendersi mai davanti agli ostacoli, prendere decisioni coraggiose che ci portino lontane.
5. Quali sono le tue paure?
Sicuramente viaggiare da sola non è stato sempre facile, il segreto è quello di sapersi adattare ad ogni situazione. La mia paura era proprio questa decisione di partire: mi ha sicuramente cambiato la vita. Un’altra paura era la questione linguistica: a Riga studio medicina totalmente in lingua inglese e la popolazione parla il lettone. Uno dei corsi più impegnativi del primo anno è stato infatti imparare la lingua lettone.
6. Hai mai subito discriminazioni in quanto donna?
Sicuramente al giorno d’oggi vi sono ancora discriminazioni per noi giovani donne, soprattutto in settori così scientifici e tecnici. Alcune volte studiare in università internazionali ti fa capire come le varie culture vedano in modo differente il ruolo della donna all’interno della società, certamente si può fare ancora tanto per migliorare la nostra posizione.
Chiara Corrarati

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15 Minuten für eine Entscheidung

// Bettina Conci //
Nataliia Kyrychenko, 37, geboren in einer Kleinstadt in der Nähe von Kiew, hat viele Jahre in der ukrainischen Hauptstadt gelebt und dort als Englischlehrerin Kinder zwischen 6 und 15 Jahren an einer privaten Schule unterrichtet. Am 24. Februar flüchtete sie und ist nun bei ihrer Schwester und deren Nichte in Südtirol untergekommen.
Die gelernte Englischlehrerin macht den NATO-Staaten keinen Vorwurf: „Warum sollte ich jemandem böse sein? Ich bin dankbar für jede Person, die hilft.“ © Nataliia Kyrychenko
Du warst in Kiew, als der Krieg ausbrach. Kannst du uns etwas über die Geschehnisse an jenem Tag erzählen?
Eine Woche vor Kriegsbeginn hielten wir einen Einmarsch der russischen Truppen noch für unwahrscheinlich. Ich erinnere mich, wie Freunde aus den USA mich anriefen und zur Flucht aufforderten, während wir uns noch über diesen Krieg, von dem alle redeten, lustig machten. Wir dachten, es würde zu etwas Ähnlichem wie 2014 kommen. Aber wir lagen falsch. Am 24. Februar wurde ich gegen halb fünf Uhr morgens von explosionsartigem Lärm geweckt, den ich zunächst nicht einordnen konnte. Als ich den rötlich gefärbten Himmel sah und ein Hund in der Nachbarschaft laut zu bellen anfing, dämmerte mir, dass der Krieg jetzt da war. Zumindest ein Teil von mir hatte es begriffen, während der andere sich noch dagegen wehrte.
Was hast du gemacht?
Meine Notfalltasche war bereits gepackt, und so zog ich mich an. Gegen sechs Uhr rief eine Freundin an und sagte mir, dass der Flughafen bombardiert worden sei. Ich klopfte bei meinen Verwandten, die im selben Haus wohnten, an die Tür, und die nächsten Stunden verbrachten wir mit Warten. Wir wussten nicht wirklich, was wir sonst hätten tun sollen. Irgendwann gingen wir in den Supermarkt zum Einkaufen. Als wir die ersten Schießereien auf der Straße hörten, versteckten wir uns im Keller. Es gibt genügend Luftschutzbunker in Kiew, allerdings trauten wir uns nicht hinaus auf die Straße, um die paar Blocks dorthin zu laufen. Ich begann, meine Freunde in Kharkiv anzurufen und ihnen zu sagen, dass sie nach Kiew kommen sollten.
Und deine Familie?
Meine Eltern sind in dem kleinen Ort außerhalb Kiews geblieben, in dem ich geboren wurde. Mein Vater ist krank, er hat Krebs im Endstadium, aber keine Angst. Er ist ein sehr mutiger Mann und versucht, meine Mutter aufzuheitern, die nicht so gut mit der Situation umgehen kann. Er spielt ihr auf der Gitarre vor und macht Witze. Zusammen helfen die beiden den Flüchtlingen aus der Ostukraine, von denen es im Zentrum des Landes sehr viele gibt.
Wie bist du schließlich geflüchtet?
Ich wartete auf meine Freunde aus Kharkiv, die das Land verlassen wollten und mir von den Panzern berichteten, die sie auf dem Weg zu mir gesehen hatten. Aber so wie es bereits lange Warteschlangen an den Geldautomaten gab, war auch der Treibstoff begrenzt: Nur 20 Liter pro Auto wurden ausgegeben, damit kam man nicht weit. Also beschlossen wir, wohl oder übel bis zum Morgen des 25. Februar zu warten, um Kiew zu verlassen. Ich saß immer noch im Keller, als sie nochmal anriefen und sagten: „Nataliia, wir fahren jetzt oder nie. Du hast 15 Minuten, um dich zu entscheiden, ob du mitkommen willst.“ Also schnappte ich mir meine Notfalltasche und meinen Laptop und sie holten mich ab.
Die Fahrt bis zur polnischen Grenze dauert normalerweise acht bis zehn Stunden. Aber wir waren nicht die Einzigen auf der Flucht und so kamen wir teilweise nur sehr langsam voran. Wir passierten Panzer, Militär, die ersten Straßensperren. Später, außerhalb der Hauptstadt, sahen wir geplünderte Tankstellen und verlassene Autos am Straßenrand. Meine Verwandten riefen mich an und versicherten mir, dass ich das Richtige getan hätte. In Kiew gab es bereits kein Benzin mehr und sie saßen fest. Wir waren sieben Personen in zwei Autos und verbrachten fünf Tage im Verkehrschaos mit Drohnen, die über uns schwebten und uns in Angst versetzten, weil wir eine hervorragende Zielscheibe abgaben im Stau. Wir lebten praktisch im Auto in diesen fünf Tagen, die ersten zwei davon ohne zu schlafen, ohne zu essen oder zu trinken, wir wollten nur weiter, weiter, weiter. Und wurden fast verrückt, weil wir nicht vorankamen. Draußen Menschen, die sich neben ihren Autos auf der Straße die Zähne putzten, und andere, die in der Umgebung wohnten und uns Essen brachten, das wir in den umliegenden Wäldern zubereiteten. Nach einiger Zeit gaben wir den Leuten, die in der Gegend wohnten, Geld, um bei ihnen im Haus zu duschen.
Hast du Kontakt zu deinen Eltern?
Jeden Morgen rufe ich sie an und frage meinen Vater: „Lebst du noch?“ Und er: „Ja.“
Ein Wohnhaus in Kiew unweit Kyrychenkos Apartment, wenige Tage nach Kriegsausbruch. Die Hälfte der Wohnung ihrer Arbeitskollegin wurde weggebombt. Sie hatte gerade einen Kredit aufgenommen. © Nataliia Kyrychenko
Wie ist die aktuelle Lage in Kiew?
Glaubt man den Nachrichten, besser als vor ein paar Tagen. Aber laut meinen Freunden, die dortgeblieben sind, nicht. Essen und Medikamente sind knapp. Jeder hat diese App, die über Luftangriffe informiert wie ein Sirenenalarm. Einige meiner Freunde sagen, sie würden die App ab und zu einfach ausmachen, um ein wenig zu schlafen. Eine Bombe hat die halbe Wohnung meiner Arbeitskollegin weggerissen. Aber ich weiß jetzt, wie man sich bei Bombenalarm verhält: Man muss immer die zweite Wand suchen. Also nicht die, wo die Bombe einschlägt, weil man sonst zwischen ihr und der nächstgelegenen Wand eingeklemmt wird, sondern hinter eben dieser zweiten Wand Schutz suchen. Auch hilft uns unser ganz eigener Humor sehr. Einer meiner Freunde schrieb mir vor kurzem, als die Bombardierung auf seinen Standort nachgelassen hatte und nicht mehr viel zu hören war: „Wahrscheinlich bombardieren sie jetzt den Wald.“
Hast du diese Entwicklung kommen sehen? Ist es Putins Krieg oder doch der Russlands?
Ich hätte nie mit einem Konflikt in diesem Ausmaß gerechnet. Ich bin immer noch der Meinung, dass es Putins Krieg ist, aber es zirkuliert einfach viel Propaganda. Ich habe Verwandte in Russland. Natürlich wollen sie nicht, dass Menschen sterben, aber sie sind von den dortigen Medien beeinflusst. Ich denke, viele Russen glauben Putin.
Bist du nicht wütend? Auf den Rest der Welt, der zusieht?
Nein. Ich weiß zu schätzen, was Länder wie Deutschland, Italien und Polen für uns tun. Sie helfen.
Fühlst du dich hier sicher?
Flugzeuggeräusche jagen mir immer noch Angst ein. Ich habe es zwei Wochen lang nicht geschafft, meinen Koffer auszupacken. Ich hatte nicht erwartet, traumatisiert zu sein, aber wenn ich die Sirenenprobe am Samstag höre, erschrecke ich jedes Mal.
Warteschlange vor den Geldautomaten am 24. Februar 2022 © Nataliia Kyrychenko