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Interview Online: „Basta Suedtirol0!“

// Kathinka Enderle//
Julia-Luna Cappelletto ist Initiatorin von Basta Südtirol0 – einem Projekt, das Erfahrungen mit geschlechtsspezifischer Gewalt in Südtirol sichtbar macht. Im Interview spricht sie über den Auslöser, die Lücken in der öffentlichen Debatte und den Mut, Verantwortung selbst zu übernehmen.
Kristina Flour - unsplash
Ihr habt auf eurem Instagramaccount geschrieben, dass der Impuls für euer Projekt das Ende der 16-tägigen Kampagne gegen Gewalt an Frauen war, doch was war darüber hinaus euer persönlicher oder kollektiver Wendepunkt? Welches Gefühl, welche Erfahrung oder welche Lücke in der öffentlichen Debatte hat euch nicht mehr losgelassen? Gab es diesen einen Moment, in dem ihr wusstet: „Wenn wir es nicht tun, bleibt es still”? Was hat euch letztlich den Anstoß gegeben, Verantwortung in die eigene Hand zu nehmen?
Das Ganze war eine Idee aus dem Bauch heraus. Es war Ende Oktober letzten Jahres. Ich saß gerade im Zug und las in der Facebook-Gruppe der Susis über den Fall von Giséle Pelicot, über einen Übergriff auf ein minderjähriges Mädchen in Bozen und über einen Feminizid in Norditalien. Das alles ereignete sich innerhalb weniger Tage. Da schrieb eine Susi in einem anonymen Post, auch ihr seien Übergriffe passiert. Da dachte ich an jenen Vorfall, als ich mit 15 in einem Bus belästigt wurde. Und dachte mir: Es ist doch der Wahnsinn. So viele von uns hatten mindestens ein Erlebnis in ihrem Leben. Eine von drei. Das kann man praktisch abzählen. Ich - du - du. So vielen von uns in dieser Facebook-Gruppe. Und Schlagzeilen machen nur die eklatanten Fälle, die „kleinen, alltäglichen”, daran haben wir uns schon fast gewöhnt. Als ob das normal wäre. Dabei bleiben die Spuren oft ganz tief. Als Hebamme erlebe ich so viele Frauen, die Traumatisches erlebt haben. Und das äußert sich dann oft bei der Geburt oder beim Stillen. Oder sogar beim Paptest. Der Körper, der zu macht, weil er Grenzüberschreitung erfahren hat. Den Frauen ist das oft gar nicht bewusst, aber der Körper schreit es laut heraus. Manchmal erzählen mir Frauen dann auch von ihren Erfahrungen, manchmal wird es ihnen erst bewusst, dass es sich um einen Übergriff handelte, wenn wir darüber reden.
Aus diesem Gefühl von „Wir sind so viele” wollte ich etwas unternehmen. Und habe sehr spontan meine eigene Geschichte erzählt, ein Formular erstellt und Frauen eingeladen, ihre Geschichte zu erzählen. In kürzester Zeit kamen an die 80 Erfahrungsberichte an.
Viele Frauen schreiben, wie dankbar sie wären, das Erlebte erzählen zu dürfen. Manche sagten, sie hätten noch nie darüber gesprochen. Und gar einige schreiben, ihnen sei erst beim Lesen der anderen Berichte klar geworden, dass auch sie Opfer wären. Es haben sich sogar Frauen bei mir persönlich gemeldet, welche ihre Geschichte zwar nicht einsenden wollten, aber sie dennoch mir erzählen. Einfach, weil sie sie loswerden wollten. Das hat mich sehr berührt.
Anfangs war mir überhaupt noch nicht klar, was ich mit den eingesendeten Berichten machen wollte, nur, DASS ich etwas damit machen wollte. Am liebsten hätte ich es auf meterhohe Plakatwände gedruckt und die Stadt damit tapeziert. Ursprünglich wollte ich etwas anlässlich des 25. Novembers machen. Mir war aber klar, dass das überstürzt gewesen wäre, und auch, dass ich persönlich kaum die Ressourcen dafür hatte, mich alleine darum zu kümmern. Nach einem Aufruf in den sozialen Medien meldeten sich sechs tolle Frauen, die Lust und Energie hatten, am Projekt zu arbeiten. Daraus ist im Laufe der Zeit eine Arbeitsgruppe entstanden, und Anfang Dezember haben wir dann begonnen, die Geschichten nach und nach auf dem eigens dafür eingerichteten Social Media Account @basta.suedtirol0 in anonymisierter Form zu veröffentlichen. Mittlerweile betreuen die sechs das Projekt alleine, ich habe mich aus zeitlichen Gründen etwas zurückgezogen.



Wo verlaufen in Südtirol die blinden Flecken, wenn über Gewalt gesprochen wird und wessen Erfahrungen bleiben dabei zu oft unsichtbar?
Es ist ja nicht so, dass das Thema nicht von vielen anderen bereits aufgegriffen wird. Es entsteht aber oftmals der Eindruck, es ginge nur „andere” was an. Und das meine ich durchaus in mehrere Richtungen. Angefangen von „Bei uns doch nicht”, weil Südtirol immer noch als „Heiliges Land” empfunden wird und das dörfliche Lebensumfeld als vermeintlich „sicher”. Dabei haben wir unzählige Berichte aus den Dörfern bekommen, wir haben deshalb auch gebeten, bei den Erzählungen den Ort anzugeben. Wir haben all diese Tatorte in eine Karte eingetragen, um zu verdeutlichen, wie - wortwörtlich - verbreitet das Problem ist. Ein weiteres Vorurteil ist, dass dies immer nur „den anderen passiert”, und einem selbst sicher nicht. Wir wissen, dass wir auch deshalb dazu tendieren, bei den Opfern in irgendeiner Weise eine Schuld zu suchen, oder zumindest eine Mitverantwortung. Weil die sich so und so angezogen hat, oder weil sie sich auf den Falschen eingelassen hat, oder weil sie zu viel getrunken hat usw. Damit versuchen wir unbewusst, uns selbst weiszumachen, dass uns das nicht passiert. Es soll unser Gehirn also besänftigen und in Sicherheit wiegen. Wenn es nämlich anders wäre, wenn es jeder passieren könnte, das würde uns doch große Angst machen. Leider aber ist es genau so: Es kann jeder passieren. Egal wie sie sich kleidet, wo sie wohnt, mit wem sie sich umgibt. Und das macht Angst. Auch das spiegeln die Geschichten wieder: Aus jedem Teil Südtirols, aus jeder Gesellschaftsschicht. In jeglicher Bekleidung.
Und schließlich gibt es da noch die Männer, die laut „Aber ich doch nicht “ und „Nicht alle Männer” tönen. Sie selbst seien schließlich keine Täter und ihre Kumpel, Brüder und Söhne natürlich auch nicht. Dabei würde ich echt gerne mal eine Statistik sehen, wie viele Männer Täter sind. Einer von dreien? Wahrscheinlich weniger, weil wir davon ausgehen können, dass ein einzelner Mann wiederholt Übergriffe begeht. Andererseits erleben die meisten Opfer auch mehr als nur einen Übergriff … Männern muss klar werden, dass Gewalt an Frauen ein Männerproblem ist. Und dass ihre Mütter, Schwestern, Partnerinnen und Töchter vermutlich ebenfalls Opfer sind.



Wie navigiert ihr die sensible Spannung zwischen Sichtbarkeit und Schutz? Wo zieht ihr Grenzen, wenn es darum geht, Gewalt sichtbar zu machen, ohne Betroffene zu exponieren?
Dieses Thema war und ist in der Arbeitsgruppe vermehrt Diskussionsgegenstand. Von meiner anfänglichen Idee, die Aussagen der Opfer großformatig im öffentlichen Raum zu zeigen, sind wir sehr bald abgekommen. Ein Thema ist der Schutz der Opfer und das Risiko einer Re-Traumatisierung. Auch das Thema der Einwilligung zur Veröffentlichung haben wir besprochen. Deshalb gibt es beim Formular, mit dem man die eigene Geschichte einsenden kann, einen Sonderpunkt zum Thema „anonymisierte Veröffentlichung in verschiedener Form”. Man kann also diesem Punkt nochmals gesondert zustimmen oder auch nicht. Wir bieten auch die Möglichkeit, die eigene Geschichte in einem zweiten Moment zu revidieren. Sprich: Der Schutz der Frauen ist uns sehr wichtig. Natürlich wollten wir auch berücksichtigen, dass es vulnerable Personen gibt, denen eine explizite, bildhafte Darstellung eines sexuellen Übergriffes nicht zumutbar ist. Kindern zum Beispiel. Wenn ich an die großformatigen Plakate dachte, wollte ich natürlich nicht, dass meine kleine Tochter so etwas auf ihrem Schulweg liest. Natürlich stellten wir uns gleichzeitig die Frage: Wen schützen wir eigentlich? Die Opfer oder die Täter? Verwässern wir das ganz nicht schon wieder, mildern es ab, trauen uns nicht explizit zu werden, weil wir den Südtirolern ihre eigenen Übergriffe nicht zumuten wollen? Wir haben lange überlegt, und schließlich fiel die Entscheidung, die Geschichten zunächst auf @basta.suedtirol0 (auf Instagram und Facebook) zu veröffentlichen. Wir anonymisieren die Geschichten dabei, sodass weder Personen noch Orte genau zu identifizieren sind. Die Orte, welche angegeben werden, werden von den Geschichten losgelöst in einer virtuellen Südtirolkarte veröffentlicht. Ein paar Geschichten wurden auch mit vollem Namen signiert. Persönlich habe ich dabei sehr wohl auch daran gedacht, dass diese Person vielleicht gerade möchte, dass in ihrem Namen geschrieben wird. Wir haben uns dann aber dafür entschieden, alle Geschichten gleich zu behandeln.
Wir haben vor, mittelfristig die Geschichten in anderer Form zu veröffentlichen, vielleicht im Rahmen einer Ausstellung oder als gedruckte Broschüre. Was ich beeindruckend finde und der Öffentlichkeit mitteilen möchte, ist gerade die große Zahl der Einsendungen, die uns erreicht haben. Aktuell haben wir über 120 Geschichten erhalten. Einige davon enthalten mehr als nur ein Erlebnis.



Was bedeutet es, in Südtirol feministisch zu arbeiten, in einer Region, die oft zwischen konservativer Tradition und Modernisierung schwankt?
Südtirol sieht sich selbst gerne progressiv. In Sachen Gleichberechtigung und Rollenbildern stimmt das aber gar nicht. Im Gegenteil. Selten gibt es Gebiete, die zwar wirtschaftlich so gut dastehen und durchaus als innovativ gelten - sozial aber anderen Gegenden Jahrzehnte hinterherhinken. Selbst im benachbarten Tirol ist man schon ein paar Ecken weiter. Genau aber weil wir so wahnsinnig überzeugt von uns selbst sind, schaffen wir als Gesellschaft es kaum, uns mit uns selbst kritisch auseinanderzusetzen. Auch die dörfliche Struktur und die bäuerliche Tradition helfen nicht- bloß nicht anecken, im Dorf bzw. in der Familie muss man zusammenhalten, man muss sich möglichst anpassen, nicht auffallen, still sein. Das macht nicht nur die Opfer mundtot. Es macht das feministische Arbeiten auch schwer. Man braucht viel Selbstbewusstsein, etwas Mut und natürlich muss man es sich auch erst mal leisten können. Ich arbeite freiberuflich, lebe in der Stadt, bin relativ unabhängig. Würde ich in einer kleinen Firma angestellt sein, in einem Dorf leben und dort womöglich noch von meinem sozialen Umfeld abhängig sein- mein Engagement in diesem Bereich sähe vermutlich anders aus.



Welche Rolle spielen konservative Werte, kirchliche Strukturen oder regionale Machtverhältnisse bei der Aufrechterhaltung von Gewalt und wie begegnet ihr dem?
Diese Abhängigkeit, von der ich oben gesprochen habe, ist die große Mauer, hinter der die meisten dieser Taten verschwinden. Konservative Werte, die Kirche, die Machtverhältnisse- das alles schützt die Täter. Und Täter wähnen sich bis heute in Sicherheit. Das fängt damit an, dass eine Vielzahl an Übergriffen als normal oder nicht schlimm angesehen werden. So erzählen einige der Frauen, sie hätten den Vorfall jemanden erzählt, aber dieser sei verharmlost worden. „Stell dich nicht so an”, oder auch „Erzähl es ja niemandem”. Und diese Sätze kommen durchaus nicht von Männern, sondern von den Frauen selbst. Wir sind so dermaßen an diese strukturelle Gewalt gewöhnt, dass sie uns schon gar nicht mehr auffällt. Wir leben immer noch in einer Gesellschaft, welche die Mächtigen schützt. Die Mächtigen, das sind Vorgesetzte, Kirchenmänner, Ordnungshüter, und ja - leider auch Väter, Brüder, Großväter und Onkel. Davon erzählen viele Geschichten. Wenn die Täter zu diesen Mächtigen gehören, dann wird der Fall sehr oft nicht gemeldet. Opfer erfahren kaum Schutz. Sich zu wehren, hat sehr oft negative Konsequenzen. Ein mächtiges Mittel ist die Scham. Scham, das wissen wir, ist eines der unangenehmsten menschlichen Gefühle überhaupt, es beinhaltet auch die Angst vor Urteilen und vor dem Ausgestoßen werden. Gesellschaftliche und religiöse Werte arbeiten zu einem überwältigenden Teil mit Scham. Dabei trifft Scham unverhältnismäßig oft Frauen. Wofür man sich alles schämen könnte: von den unperfekten Fingernägeln über die Mutter, die einer Erwerbstätigkeit nachgeht, bis hin zur Unerhörtheit, dass auch Frauen sexuelle Lust empfinden. Männer werden viel seltener mit Scham bestraft. Weil Scham ein so mächtiges Druckmittel ist und weil wir als soziale Wesen auf die Akzeptanz der Gruppe angewiesen sind, kommt es bei geschlechterspezifischen Gewalt unverhältnismäßig oft zur Täter-Opfer-Umkehr. Das Opfer schämt sich, während der Täter geschützt wird. Deshalb fanden wir Giséle Pelicots Zitat „Die Scham muss die Seite wechseln” auch so treffend, dass wir es auf unserem Social-Media-Profil aufgegriffen haben.



Wenn ihr von strukturellem Wandel sprecht: Was braucht es aus eurer Sicht, jenseits von Notrufnummern, Kampagnen und politischen Versprechen? Welche feministische Haltung wollt ihr in der nächsten Generation wachsen sehen?
Wir müssen im Kleinen anfangen. Bei uns selbst, bei unseren Kindern, in unserem Umfeld. Gewalt und Übergriffigkeit beginnt nicht bei der Vergewaltigung, sie beginnt noch sehr viel früher als der Grapscher in der Disco. Das beginnt damit, dass Mädchen lernen, sie müssten aushalten, still halten, über sich ergehen lassen, gefallen. Nicht anecken, freundlich sein, niemandem auf den Schlips treten. Das beginnt bei den eigenen Eltern und setzt sich dann fort beim ersten Freund bis hin zum Arzt, der gerne auch das Höschen ausgezogen hätte.
Wir wissen, dass Mädchen und Frauen am meisten geschützt sind, wenn sie lernen, nicht immer lieb zu sein, sondern selbstbewusst. Das kann zwar nicht gänzlich verhindern, dass man Opfer von sexueller Gewalt wird, aber das Risiko sinkt und wenn es doch passiert, traut man sich früher, sich zu wehren, Hilfe zu holen oder anzuzeigen, und das Risiko, ein Trauma davon zu tragen, ist deutlich geringer.
Gleichzeitig haben wir Jungs, die nicht lernen, wie man mit den eigenen Emotionen umgeht, wie Empathie geht. Statt den Mädchen zu predigen, sie sollen aufpassen, sollten wir eher den Jungs emotionale und soziale Kompetenzen beibringen. Jungs müssen doch lernen, wie sie mit eigener Unsicherheit, Angst oder Zurückweisung umgehen, damit sie dann keine Gefahr für andere (und sich selbst) sind, wenn das Leben Enttäuschungen birgt. Educate your son anstatt protect your daughter. Und eigentlich wäre das Aufgabe der Väter, die aber häufig ebenso in einer emotionsarmen Umgebung aufgewachsen sind. Es braucht die einen Jungs, Männer und Väter, die es schaffen, aus diesem System, das sich immer wiederholt, auszubrechen und damit die Weichen stellen können. Ich vermisse deshalb in dieser Diskussion die Männer: Wo sind sie? Warum werden sie nicht laut? Dieses ganze Weltbild, in denen Männer immer die Starken, aber auch die Bösen sind, das tut doch niemandem gut! Klar braucht es als Mann eine ordentliche Portion Reife, Selbstbewusstsein und Demut, um mit dieser „kollektiven Schuld” umzugehen und nicht sofort in die Defensive („Aber doch nicht alle Männer …”) zu rutschen. Dabei ist es so heilsam, wenn Männer einfach annehmen können: Ja, wir Männer haben viel Mist gebaut, und ich war und bin Teil des Problems. Ich bemühe mich, fortlaufend Dinge anders zu machen. Das wünsche ich mir für uns alle, ob Frauen oder Männer.



Was trägt euch durch die Schwere eurer Arbeit, wodurch schafft ihr es, trotz Ohnmacht, Wut oder Überforderung zu handeln?
Als die erste Flut an Geschichten reinkam, hab ich sie mir alle nacheinander durchgelesen. Ich hab dann schnell gemerkt, dass mir das nicht guttut. Ich brauche Abstand und Pausen. Ich kann und möchte mich nicht ausschließlich mit dem Thema befassen, das würde mich nur auslaugen und deprimieren. Selbstfürsorge ist etwas, das ich als Hebamme und noch wichtiger als Mutter lernen durfte. Mittlerweile habe ich ein gutes Gespür dafür, was ich brauche, um nicht auszubrennen. Wenn es um solche schweren Themen geht, ob es nun um geschlechterspezifische Gewalt oder um die aktuellen Nachrichten geht, fällt mir immer wieder ein Satz ein, den ich mal irgendwo gelesen habe: „Schau auf die Guten, mein Kind”. Ich konzentriere mich dann auf das, was gut läuft. Wenn z.B. die neuen Generationen beginnen, Gesellschaftsnormen aufzubrechen, oder wenn im Geburtsvorbereitungskurs immer mehr Väter sich ehrlich darum bemühen, Elternschaft und Partnerschaft auf Augenhöhe zu leben. Wenn ich meine Kinder sehe und das Gefühl habe: Hier wächst ein empathischer Sohn und eine durchsetzungsfähige Tochter heran.



Wenn ihr der Südtiroler Gesellschaft eine unbequeme Wahrheit direkt ins Gesicht sagen könntet, was müsste endlich laut ausgesprochen werden?
Wir sind viel rückschrittlicher, als wir gerne tun, und es täte uns allen gut, mal über den Schlern und die Mendel hinaus zu schauen, anstatt Nabelschau zu betreiben und uns in Selbstgefälligkeit zu suhlen.

Think

Ach, du liebe Zeit…

// Maria Pichler (de) & Linda Albanese (it) //
Zeit ist ein kostbares Gut. Doch gerade in unserem schnelllebigen Alltag scheint sie uns ständig zu entgleiten. Sie fliegt, sie rennt, sie fehlt.
© icons8 team - unsplash
24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche, zwölf Monate im Jahr: Nüchtern betrachtet, steht uns allen gleich viel Zeit zur Verfügung. Dennoch: Meist haben wir das Gefühl, viel zu wenig davon zu haben. Mit einem bewundernden Blick auf so manches Kind, das sich über Langeweile beschwert, wünschen wir, die Zeit möge für einen Moment stillstehen. Dann aber zieht sie sich zäh wie ein Kaugummi, der schon längst seinen Geschmack verloren hat. Und wir hoffen, sie möge endlich vergehen.

Zeit ist der Ausdruck eines unabdingbaren Wandels, der sich durch all unsere Lebensbereiche und darüber hinaus durch die Geschichte unserer Erde und unserer Menschheit zieht. Wandel braucht aber nicht nur Zeit, sondern auch Mut zu Neuem, zu Ungewohntem, zu Fremden. Und Zeit für sich selbst, die gerade Frauen in der „Rush Hour“ ihres Lebens im Spagat zwischen Familie, Beruf, Ehrenamt oder Politik nicht mehr finden. Das kann gut gehen – für eine bestimmte Zeit. Denn wer getrieben wird vom Blick auf die Uhr, wird sich irgendwann erschöpft verlieren. Dann kann auch die langersehnte Urlaubszeit – die noch dazu gerade für Mütter nicht immer eine wirklich erholsame ist – kein Allheilmittel mehr bieten. Und wer kennt es nicht: Wenn sie endlich da ist, die unbeschwerte Zeit für etwas Ruhe, für die wärmende Sonne im Gesicht, fürs Durchatmen und Loslassen, dann wissen wir nicht mehr was damit anfangen.

Was aber können wir tun, damit uns die Zeit nicht entgleitet? Damit wir Zeit haben für uns selbst – und seien es nur zehn Minuten auf dem Balkon oder eine halbe Stunde für einen Spaziergang ohne Ziel? Wie fügt sich Zeit in das große Ganze unserer Erd- und Menschheitsgeschichte? Was ist, wenn jede Sekunde zählt? Über ihren persönlichen Zugang zum Thema Zeit berichten auf den nächsten Seiten sieben durchaus unterschiedliche Frauen, lassen Sie sich inspirieren!

Maria Chiara Pasquali (72), Architetta ed ex assessora all’urbanistica
«Il tempo come nuova frontiera dell’equità»
«In un’epoca di accelerazione continua, il tempo è una risorsa che scarseggia, ma fondamentale per la qualità della vita. Ed è proprio il tempo una delle principali cause del gender gap». Ad affermarlo è Maria Chiara Pasquali, architetta ed ex assessora all’Urbanistica, alla Casa e ai Tempi della Città di Bolzano.
Secondo lei, ancora oggi il lavoro di cura grava quasi esclusivamente sulle donne, condizionandone l’accesso a un’occupazione di qualità. Per questo è necessario ripensare l’organizzazione delle città con uno sguardo di genere: «Le città sono state progettate dagli uomini e per gli uomini. Ma una città a misura di donna è una città migliore per tutti».
Da assessora, ha promosso le politiche temporali, strumento strategico per coordinare orari e servizi in un’ottica policentrica. La cosiddetta “urbanistica dei tempi” mette al centro non le quantità (volumi, superfici) ma la qualità del tempo vissuto. Tra le proposte: aggiornare il Piano dei Tempi del 2005, istituire un Osservatorio sul tempo urbano, promuovere il bilancio di genere per valutare l’impatto delle politiche pubbliche. «Serve flessibilità, partecipazione e condivisione – conclude. E serve partire dal vissuto delle donne per costruire città più giuste e vivibili per tutti».



Christa Ladurner (60), Soziologin und Sozialpädagogin, © Forum Prävention
»Flexibilität ist der Schlüssel«
»Das Leben verläuft in Phasen: Es gibt Zeiten, in denen Familie und Kinder im Mittelpunkt stehen, und Zeiten, in denen wir uns verstärkt gesellschaftlichen Themen oder unserer Arbeit widmen. Damit ich bei all diesen Aufgaben und Herausforderungen nicht unter Druck gerate, ist für mich eines wichtig: Flexibilität. Ein hohes Zeitpensum empfinde ich nur dann nicht als Belastung, wenn ich Sinn in meinem Tun sehe – wenn ich gestalten, bewegen und bewirken kann. Macht mir eine Aufgabe Freude oder glaube ich an ein Projekt, dann verlieren Stunden und Minuten an Bedeutung.

Auch wenn vieles gleichzeitig ansteht, erlebe ich Zeit dann nicht als erdrückend, sondern als dicht – im besten Sinne: als positiven, anregenden Stress. Gleichzeitig nehme ich mir bewusst Zeit für Leerlauf – zum Nachdenken, zum Abschweifen, für neue Ideen, für die Familie und für Reisen. Ich erlaube mir, das Handy am Abend oder am Wochenende auszuschalten und nicht jede E-Mail sofort zu beantworten. Ich möchte mich nicht dauerhaft unter Druck setzen lassen.

Was ich jedoch zunehmend als belastend empfinde, ist der bürokratische Zeitaufwand – mit all den Formularen, Genehmigungen und Anträgen, die man nicht umgehen kann. Das tut weder dem Geist noch der Motivation gut und übersteigt oft ein zumutbares Maß. Ansonsten schaue ich, das was ich tue, bestmöglich und mit Energie zu machen. Wenn ich mit Begeisterung bei der Sache bin, dann zählt keine halbe Stunde mehr oder weniger. Eine starre Trennung zwischen Arbeit, Familie und Politik ist für mich persönlich deshalb wenig hilfreich – denn alles zusammen ist mein Leben.«



Elena Carion (52), Dirigente medico
«Il tempo è una responsabilità»
Elena Carion, primaria del Pronto Soccorso dell’ospedale di Bolzano, vive ogni giorno in una realtà in cui il tempo è una variabile essenziale, a volte addirittura vitale. Nella frenesia delle emergenze, ha imparato a gestirlo con lucidità, affidandosi all’esperienza, al lavoro di squadra e a un uso consapevole della tecnologia.
«Nel mio lavoro il tempo non è mai neutro: ogni secondo pesa, ogni scelta conta», afferma con fermezza. Stabilire priorità, delegare in modo efficace e mantenere il contatto umano con pazienti e colleghi sono, per lei, strumenti imprescindibili per non perdere l’equilibrio. Un episodio le è rimasto particolarmente impresso: l’arrivo simultaneo di sei pazienti ustionati in seguito all’esplosione di una fabbrica. «In quei momenti il tempo assume una dimensione paradossale. Ogni attimo si dilata e si contrae allo stesso tempo. Solo grazie alla forza del gruppo e alla freddezza costruita negli anni riesci a rimanere lucida e a governare il caos.» Con il passare degli anni, la sua percezione del tempo è cambiata. «All’inizio sembrava una linea retta. Ora è fatta di frammenti, emozioni, intensità», riflette. Il tempo ha smesso di essere solo una misura cronologica, diventando qualcosa di vivo, legato alla qualità dell’esperienza.
Nella vita privata, invece, il tempo ha un valore diverso: è un bene raro, da proteggere e dedicare alla cura di sé e agli affetti. «Cerco un equilibrio tra lavoro e vita personale. Leggere, ascoltare musica, viaggiare, stare con le persone che amo: sono questi i momenti che mi rigenerano», racconta. E se c’è qualcosa che, nonostante tutto, le insegna ancora a rallentare, è il contatto con la natura. «Camminare in silenzio lungo un sentiero, fermarmi a osservare un paesaggio... mi ricorda che non tutto deve correre. Alcuni ritmi vanno rispettati. Il tempo, a volte, va semplicemente abitato.»



Hannah Pomella (44), Geologin © Jürgen Schmücking
»Zeit ist relativ«
»Schon Einstein hat festgestellt: Zeit ist nicht absolut. Auch für mich als Geologin ist Zeit relativ – wenn auch in einem etwas anderen Sinne als vom Physiker gemeint. In meiner Forschung beschäftige ich mich mit der Entstehung der Alpen: Die Gebirgsbildung dauert bereits über 100 Millionen Jahre an – aus menschlicher Sicht ein immens langer Zeitraum. Einige der beteiligten Gesteinseinheiten sind mehr als 600 Millionen Jahren alt, die ältesten der Erde sogar 4.000 Millionen Jahre. Im Vergleich dazu sind die Alpen wieder relativ jung. Den modernen Menschen gibt es seit 0,3 Millionen Jahren und die Besiedelung der Alpen begann erst, als sich die Gletscher nach der letzten Eiszeit zurückzogen, vor gerade mal 12.000 (0,012 Millionen) Jahren. Ein Wimpernschlag in der Erdgeschichte.
Als Geologin ist es mein tägliches Brot, die Geschichten in den Gesteinen zu lesen. An einigen Stellen in Südtirol wie im GEOPARC Bletterbach oder am Geotrail in Pufls sind etwa Schichten anzutreffen, die an der Perm-Trias-Grenze vor 252 Millionen Jahren abgelagert wurden. Massive Vulkanausbrüche lösten damals globale Erwärmung, Ozeanversauerung und Sauerstoffmangel im Meer aus – der Kollaps ganzer Ökosysteme folgte: Bis zu 94 Prozent aller Meeresarten und 70 Prozent der Wirbeltierfamilien an Land starben aus. Im Gestein muss man aber genau hinsehen, um Spuren dieser Katastrophe zu entdecken. Denn die Erde drehte und dreht sich einfach weiter. Wer sich nicht schnell genug anpassen kann, verschwindet. Ob uns Menschen das angesichts der rasanten Klimaveränderungen unserer Zeit gelingen wird? Es wäre erfahrungsgemäß wohl besser, es nicht darauf ankommen lassen… .«



Martha Ebner (103), Zeitzeugin © Dolomiten Archiv/DLife
»Man muss sich die Zeit nehmen«
Martha Ebner ist ein Stück lebendiger Zeitgeschichte. Die 103-Jährige blickt auf ein bewegtes Leben zurück: Sie hat die Option, den Krieg, die Bombenangriffe, die schwierige Nachkriegszeit, das Ringen um die Autonomie und die Entwicklung der Frauenpolitik in Südtirol miterlebt und mitgestaltet. Dabei ist sie stets mit der Zeit gegangen – „weil einem ja nichts anderes übrig bleibt“, sagt sie offen. Gleichzeitig gesteht sie, dass sie mit der Hektik und Schnelllebigkeit der heutigen Zeit wenig anfangen kann. „Manchmal fühle ich mich von innen getrieben“, meint sie nachdenklich. Früher, so erinnert sie sich, „haben die Menschen Zeit gehabt und sich Zeit genommen – für alles. Heute haben sie überhaupt keine mehr.“ Mit einem Schmunzeln verrät sie: „Für meinen Mann war telefonieren reine Zeitverschwendung – und heute verlieren die Leute ganze Stunden am Handy.“
Trotz aller Herausforderungen hat sich Martha Ebner stets Zeit für sich selbst eingeräumt. „Ich war oft beim Turnen und regelmäßig auf Kur“, erzählt sie. Frauen rät sie, trotz Beruf und Familie gut auf sich zu achten. Denn nicht allein die Gene, sondern vor allem die Lebensweise und die Lebenseinstellung seien entscheidend, um alt zu werden – und gesund zu bleiben.
Martha Ebner ist mit der Zeit gegangen und dabei stets politisch interessiert geblieben. Sie verfolgt nicht nur das aktuelle Weltgeschehen, sondern nimmt sich weiterhin Zeit für das, was ihr am Herzen liegt: für die Zeitschrift Die Frau, für Frauen helfen Frauen und für das Haus der geschützten Wohnungen, wo sie bis heute an den Wochenenden Anrufe entgegennimmt.



sofia fall (35), Ex giocatrice di basket
«Il tempo si fa mio»
Sofia Fall, ex giocatrice di basket e oggi impegnata tra lavoro e nuovi progetti personali, conosce bene la potenza di un secondo. Per anni il tempo le ha scandito la vita con la precisione di un cronometro. In campo, ogni istante poteva cambiare tutto: una vittoria, una sconfitta, un sogno che prende forma o sfuma. «Il tempo nel basket è come un filo sottile, che può spezzarsi da un momento all’altro. È il battito che guida ogni azione», racconta. Per lei, è sempre stato un avversario invisibile, ma anche un compagno fidato – se si impara ad ascoltarlo.
Grazie allo sport, Sofia ha imparato a trattare il tempo con rispetto. Non come qualcosa da inseguire, ma da abitare con pienezza. «Quando hai allenamenti, lavoro, impegni, devi imparare ad armonizzare ogni cosa. È come dirigere una piccola orchestra quotidiana», dice sorridendo. E quando ci riesci, aggiunge, il tempo smette di essere un peso e diventa un alleato silenzioso.
Anche oggi, fuori dai palazzetti e dalla frenesia agonistica, cerca momenti in cui il tempo rallenta. «La domenica è il mio rifugio. Niente fischi, niente corse. Solo le cose semplici: accendere la tv senza guardarla, mandare un messaggio a chi mi fa sorridere, uscire per un aperitivo o tornare tra le braccia della mia famiglia.» In questi momenti, tutto si fa più lieve, più vero.
Ora che ha lasciato il parquet, Sofia si augura un tempo da vivere, non solo da riempire. Un tempo che le appartenga davvero. «Ho più spazio per me stessa, per chi amo. Ma ogni tanto torno in palestra, perché il corpo sente nostalgia del ritmo e del legno sotto i piedi. E ogni volta che torno lì, anche solo per poco, il tempo smette di correre: si fa lieve, si fa mio.»



Kathrin Pichler (36), Unternehmerin © Vanessa Runggaldier
»Zeit ist meine Berufung«
Wenn es um das Thema Zeit (und Zeitplanung) geht, dann führt kein Weg an ihr vorbei: Kathrin Pichler. Die 36-jährige Kurtatscherin hat nach ihrem Master in Entrepreneurship und Innovation an der Universität Bozen an einem System getüftelt, „das die Eisenhower-Matrix zur Priorisierung von Aufgaben nach Dringlichkeit und Wichtigkeit mit einem Notizbuch und Terminkalender kombiniert.“ Weil sie selber immer wieder mit ihrer Unstrukturiertheit und ihrem „Chaos im Kopf“ zu hadern hatte. Und weil im Gegensatz zu digitalen Kalendern und To-do-Listen das Niederschreiben auf Papier Reflexion fördert, Gedanken sortiert und Ideen konkretisiert.
Pichler ist überzeugt: „Zeitplanung macht den Unterschied.“ Dies gelte besonders für Menschen (und Frauen), die wie sie selber „gerne viel machen und grundsätzlich nicht weniger tun möchten, weil sie von ihrem Schaffen so begeistert sind. „Alles unter einen Hut zu bekommen, ist aber eine große Herausforderung, wenn man sich dabei nicht selbst vergessen will.“ Qualitätszeit müsse man sich schenken – und bewusst einplanen: Zeit für die persönliche Entwicklung, Zeit für Weiterbildung, Zeit für die Familie. Pichler, die mittlerweile auch zertifizierte Mental-Trainerin und Präsidentin des Frauennetzwerkes Wnet ist, findet, dass für ein Herzensprojekt verbindliche Zeit einzuplanen, auch Mut erfordert. Denn wer Zeit für seine Themen investiert, der setzt diese dann auch um. Und: Es muss nicht perfekt sein, „denn Perfektion hält uns eher auf, als dass sie unterstützt“, sagt Pichler, die ihre Berufung darin gefunden hat, „Menschen zu zeigen, wie sie gut mit ihrer Zeit umgehen können.“