Herstory

Epistemische Gewalt, oder: Wer schafft es ins Archiv?

// Lisa Settari | Frauenarchiv //
Ein typisches Schulbuch könnte vermuten lassen, Geschichte sei etwas Simples. Eine glatt fließende Erzählung aus gesammelten Daten, Fakten und Namen. Diese Vorstellung eines „reinen Lernfachs“ wird der Geschichts­wissenschaft freilich nicht gerecht.
Gayatri Chakravorty Spivak © Robert Crc - Subversive festival media
Um etwas über unsere Vergangenheit herauszufinden, müssen Historiker*innen Quellen suchen, prüfen, vergleichen, auswerten und so versuchen, das Geschehene zu rekonstruieren. Welche Quellen und Themen dafür infrage kommen, entscheiden Historiker*innen, Archivar*innen, Universitäten, Forschungsinstitute und auch Politik und Wirtschaft. Mindestens seit den Siebzigerjahren weisen Forscher*innen und Aktivist*innen darauf hin, wie viele Menschen und Gruppen selten bis nie in Archiven vorkommen, z.B. Frauen, Arbeiter*innen oder People of Colour. Die Literaturwissenschaftlerin Gayatri Chakravorty Spivak prägte dafür in den 1980er Jahren den Begriff „epistemische Gewalt“ (Altgriechisch epistéme = Wissen, Wissenschaft). Das Ausschließen ganzer Gruppen und ihrer Erfahrungen aus Archiven gäbe einer Minderheit das Privileg der Geschichtsschreibung und sei daher eine Form von Gewalt. Ein kurzer Blick auf die Bestände von Archiven in Europa und Nordamerika könnte tatsächlich den Anschein erwecken, Geschichte sei nur von Politikern und Feldherren, weißen Männern christlicher Konfession und aus den höheren Gesellschaftsschichten „gemacht“ worden. So als hätte es „alle anderen“ nie gegeben, oder als hätten sie uns nichts hinterlassen. Dies ist nicht nur unzulänglich, sondern auch schädlich für aktuelle Bemühungen um soziale Gerechtigkeit. Für gelingenden Aktivismus ist eine gemeinsame Identität, die auf einer gemeinsamen Geschichte ruht, wichtig. Frauenarchive sind Orte, die sich seit der „zweiten Frauenbewegung“ in Europa und Nordamerika einer männlich dominierten Vorstellung von Geschichte in den Weg stellen. Seit fast genau zwanzig Jahren hat auch Südtirol ein Frauenarchiv. Im Bozner Frauenarchiv sammeln und hüten wir schriftliche, bildliche und mündliche Quellen, die Erinnerungen von Frauen in Südtirol festhalten. Allerdings endet die kritische Betrachtung unserer Vergangenheit nicht mit der Gründung eines Frauenarchivs. Eine solche ist vielmehr ein spannender Beginn, eine Einladung, weitere Fragen zu stellen: Wer sind die Frauen in unserem Archiv? Und vor allem, welche fehlen in unseren Beständen, unserem Vorstand, auf unseren Veranstaltungen? Frauen sind keine einheitliche Masse. Wer feministisch forschen und agieren will, tut gut daran, sich selbstkritisch zu hinterfragen, wie die Theoretikerin Sara Ahmed schreibt. Wobei kritische und produktive Archivarbeit nicht nur von gutem Willen abhängt, sondern nicht zuletzt von den Mitteln, die die Politik wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen zuspricht.
Sara Ahmed
© Yulia Kishchuk
Lisa Settari
Seit Mai 2024 Vorstandsmitglied im Frauenarchiv Bozen/Archivio storico delle donne di Bolzano. Studium der Politikwissenschaften und der Europäischen Frauen- und Gende­r­­geschichte. Derzeit lehrt sie am Germanistikinstitut der Universität von Iaşi (Rumänien).

Editorial

Rollen - Ruoli

Sie prägen unsere Entwicklung, unser Verhalten, unsere Lebensentwürfe: Rollenbilder. Was aber, wenn wir gesellschaftlichen Erwartungen nicht entsprechen, traditionelle Muster überwinden, aus der Rolle fallen? In dieser ëres-Ausgabe zeigen wir Menschen, die vermeintlich ungewöhnliche Rollen innehaben, die ungeachtet aller konventionellen Maßstäbe ihren eigenen Weg gehen, die Schranken durchbrechen, Zuschreibungen hinter sich lassen und „ihr Ding machen“. Dass das bei Weitem nicht immer einfach ist, davon erzählen diese Frauen (und ein Mann) in unserer Titelgeschichte.
Es geht in dieser Ausgabe jedoch nicht nur um die schönen Seiten des Frau*-Seins, sondern auch um die Hindernisse, Vorurteile und Hürden, denen wir immer wieder begegnen – im Alltag und nicht zuletzt im Berufsleben. Dass Frauen und Männer bis heute für gleiche Arbeit nicht gleich bezahlt werden, ist eine Ungerechtigkeit, die wir nicht akzeptieren können. Anlässlich des Equal Pay Days am 17. April gilt es einmal mehr, aufzurütteln und auf diesen Missstand und all seine Folgen – Stichwort Altersarmut – aufmerksam zu machen.

Wir wünschen Ihnen eine gute Lektüre, Maria Pichler - Chefredakteurin