Poesie

Kartenhaus

// Sarah Meraner //
© pixabay
Wir bauen an einem Kartenhaus
Stellen

Karte
für
Karte

Auf wackeligem Untergrund
Vorsichtig, nachsichtig, weitsichtig
Stets darauf bedacht
Dass diese kleine Welt auf unserem Tisch
Nicht in sich zusammenkracht
Wir dürfen völlig okay mit uns sein
Mit dem, was wir Tag für Tag
Und Nacht für Nacht leisten
Mit all den Anforderungen
Die wir Stunde für Stunde meistern

Sprechen wir die Wahrheit laut aus:
Das tägliche Funktionieren ist schwer
Es macht uns ausgebrannt
müde und leer
Ich hab mich da mal rangetastet
An dieses Kartenhaus
Wir sind schlichtweg mehr belastet
Hundert Tabs in unserem Kopf
Und keine zum Schließen
Hundert verschiedene Pflanzen im Beet
Wurzeln und Blätter zum Pflegen und Gießen
Hundert Karten auf dem Tisch
Und wir müssen sie richtig zusammenstellen
Unsere Belastungsgrenze wird ausgelotet
Unsere Möglichkeiten festgeknotet
Die Welt funktioniert auf Kosten unseres Seins
und unserer Gesundheit
Wir bauen an einem Kartenhaus
Stellen

Karte
für
Karte

Auf wackeligem Untergrund
Vorsichtig, nachsichtig, weitsichtig
Stets darauf bedacht
Dass diese kleine Welt auf unserem Tisch
Nicht in sich zusammenkracht

Wir müssen nicht immer noch mehr geben
Wir müssen nicht immer noch besser sein
Wir genügen und dürfen auch einfach mal leben
Ohne uns Frauen würde das System kollabieren
Lasst uns uns gegenseitig unterstützen
Lasst uns gegenseitig applaudierenWir bauen gemeinsam unsere Kartenhäuser
Kleben sie fest

Karte
für
Karte

Und wenn sie sagen: Vergleicht euch
Dann fühlen wir uns immerzu klein

Doch wir sagen: Jede hat ihre Fähigkeiten
und so helfen wir uns
und bringen uns gegenseitig weiter

Und wenn sie sagen: Konkurriert euch
Dann stehen wir uns selbst im Weg

Doch wir sagen: Wir helfen uns
und so gehen wir
Schritt für Schritt gemeinsam

Und wenn sie sagen: Seid besser als andere Frauen
Dann erhöhen wir den Druck auf uns selbst

Doch wir sagen: Wir arbeiten gemeinsam
und so wachsen wir – jede für sich
und alle zusammen

NO WOMAN NO PANEL

Wenn da die berühmt-berüchtigten Schnitzer nicht wären…

// Maria Pichler //
Es ist ja nicht so, dass sie sich nicht bemühen würden: die Organisationen, Verbände und Akteure, welche die Initiative „No Women No Panel“ unterstützen und damit die Sichtbarkeit von Frauen in öffentlichen Debatten fördern wollen. Aber zwischendrin passiert er dann halt doch: der berühmt-berüchtigte Schnitzer. Und je selbstverständlicher Frauen auf der Bühne werden, desto auffälliger wirken die – wenn auch seltener gewordenen – Bilder von ausschließlich dunklen Anzugträgern, die ihre fachmännischen Gesichter in die Kamera halten.
Schwarz der Hintergrund, schwarz die Anzugträger und schwarz die Zukunftsaussichten? © NOI Techpark
Nehmen wir mal den NOI Techpark in Bozen: Wer sich durch die Homepage des Innovationszentrums scrollt, wird dort – angefangen beim Verwaltungsrat – viele Fachfrauen entdecken und einiges über besondere Initiativen finden, mit denen Mädchen und Frauen für die sogenannten MINT-Fächer begeistert und in ihren Karrieren gefördert werden. Dafür gibt es Pluspunkte!
Dann aber feiert die italienische Fujifilm-Tochter „Fujifilm Healthcare Italia“ die Eröffnung ihres Forschungs- und Entwicklungssitzes im NOI Techpark. Das Bild dazu? Schwarz dominiert: der Hintergrund, die Anzugträger und – wo wir gerade beim Thema geschlechtergerechte Gesundheit sind – schwarz auch die Zukunftsaussichten, dass in der Entwicklung der digitalen Gesundheit und medizinischen Informatik die Unterschiede zwischen Frauen und Männern berücksichtigt werden? Bitte nicht!
„Grenzenlos gesund(e)“ Frauen und Männer in der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino. © LPA/Fabio Brucculeri
Dass es auch anders geht, zeigt dieses Mal die Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino. Unlängst ist in Bozen – und wir bleiben beim Thema Gesundheit – die Broschüre „Grenzenlos gesund“ vorgestellt worden. „Da ist es auch nicht so schwer“, werden Kritiker*innen anmerken, „denn sowohl die Südtiroler Volksanwaltschaft als auch die Selbsthilfe Tirol werden von Frauen geleitet.“ Richtig – und auch das ist ein Signal, gerade beim Thema Gesundheit, wo doch so viele Frauen nicht nur Patientinnen, sondern auch Pflegerinnen, Assistentinnen, Therapeutinnen sind und sich damit einmal mehr „kümmern“. Einen kleinen Minuspunkt gibt es aber auch dennoch: Zumindest auf dem Titelblatt der Broschüre hätte man nicht nur von Patienten-, sondern auch von Patientinnenrechten sprechen können. Der Platz hätte dafür allemal ausgereicht…
Fazit ist: Dass Frauen in medizinische Führungspositionen kommen und dass Frauen die Medizin der Zukunft mitgestalten, gerade angesichts der geschlechterspezifischen Unterschiede in Prävention, Diagnose, Behandlung und Versorgung, das liegt an uns allen. Und das gilt nicht nur bei der Ausarbeitung von Informationsbroschüren, sondern gerade auch in den zukunftsträchtigen Bereichen der digitalen Gesundheit und medizinischen Informatik.