Herstory

Gesundheit und Aktivismus im Archiv

// Lisa Settari | Frauenarchiv //
Sexuelle Gesundheit durch Information und Beratung – AIED hat damit Geschichte geschrieben. Das Frauenarchiv Bozen hütet das Südtiroler Kapitel dieser Geschichte.
AIED, posizione 82, Manifestazione "Riprendiamoci la notte" 1977 - Frauenarchiv
„Gesundheit“ bedeutet auf feministisch auch das Kennen des eigenen Körpers, seiner Potentiale und Grenzen, das Wissen über die Prozesse, die er durchläuft und die Warnsignale, die er abgibt. Zugang zu sexueller Aufklärung, Verhütungsmitteln und Schwangerschaftsabbrüchen gehören daher schon lange zu den Grundforderungen vieler feministischer Bewegungen. Besonders die sogenannte zweite Welle der Frauenbewegung zwischen den späten 1960-er und den frühen 1980-er Jahren wird mit der Gründung von entsprechenden Vereinen und Einrichtungen in Verbindung gebracht. Dabei wurde der Italienische Verein für demografische Erziehung (AIED) bereits 1953 in Rom gegründet. Obwohl dieser Name nicht nach Revolution klingt, forderte AIED von Beginn an tiefgreifende politisch-juristische Veränderungen. Ein zentrales Ziel war die Aufhebung des Paragrafen 553 im Strafgesetzbuch, einem Überbleibsel aus dem Faschismus, das in abgeänderter Form bis heute in Kraft ist. Der besagte Absatz verbot jegliche Verbreitung von Informationen über Verhütungsmittel und wurde schließlich 1971 vom Verfassungsgerichtshof abgeschafft. Die erste AIED-Beratungsstelle wurde 1955 eröffnet. Es sollte allerdings noch 18 Jahre dauern, bis in Bozen eine AIED-Sektion gegründet wurde. Möglich wurde dies durch das Engagement der feministischen Gruppe „Alexandra Kollontai“, zu der auch die Bozner Rechtsanwältin und Landtagsabgeordnete Andreina Emeri gehörte. Emeri wurde die erste Präsidentin der Bozner AIED-Sektion, die seit 1992 nach ihr benannt ist. Der Verein war bis 1979 die einzige Anlaufstelle für Themen wie sexuelle Gesundheit und Verhütung in Südtirol und stieß in einem konservativen Umfeld nicht selten auf Widerstand. Während AIED Bozen über die Jahrzehnte wuchs, wurde der Fundus an Vereinsdokumenten selbst zu einem Mehrwert für feministische Forschung und Aktivismus in Südtirol. Tatsächlich ist der AIED-Bestand der erste, den das 2003 gegründete Bozner Frauenarchiv erwarb. Zu diesem Bestand gehören u.a. Texte über die von AIED angebotenen Dienste, Sitzungsprotokolle, Tätigkeitsberichte, Förderungsanträge, Korrespondenz, Tagungsprogramme, Pressemitteilungen und Bildmaterial. Damit bildet er eine Fundgrube für Forscher*innen, Studierende, Journalist*innen und alle Interessierten, die sich mit der Südtiroler Frauen- und Gendergeschichte und insbesondere der Geschichte des regionalen Feminismus der 1970-er und 1980-er Jahre auseinandersetzen. In den vergangenen 13 Jahren wurde der Bestand im Frauenarchiv Bozen von neun Personen elfmal konsultiert und floss so in Artikel, Abschlussarbeiten und Studien ein.
© privat
Lisa Settari ist seit Mai 2024 Vorstandsmitglied im Frauenarchiv Bozen/Archivio storico delle donne di Bolzano. Studium der Politikwissenschaften und der Europäischen Frauen- und Gendergeschichte. Derzeit lehrt sie am Germanistikinstitut der Universität Paris Nanterre.

Speak

Instrumente gegen die Stigmatisierung

// Jenny Cazzola | Centaurus //
Jahrzehntelang waren HIV und AIDS das Gesundheitsthema der LGBTQIA+ Community. Auch in Südtirol gibt es einen Verein, der sich für die Vorsorge und Aufklärung zu diesem Thema einsetzt.
Das Team von Pro Positiv (vl.): Roberto Vincenzi, Annalisa Pasqualotto und Arianna Miriam Fiumefreddo © privat
Wenn es um Gesundheit und die LGBTQIA+ Community geht, fallen schnell die Begriffe HIV und AIDS. Doch „HIV geht alle Menschen etwas an, da die Übertragung durch spezifische Verhaltensweisen erfolgt und nicht durch die Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen. Daher ist es extrem wichtig zu wissen, welche Verhaltensweisen tatsächlich ein Risiko darstellen, in jeder Situation und mit jeder Person, deren Serostatus man nicht kennt“, betont Annalisa Pasqualotto. Sie ist seit über 20 Jahren für den Verein Pro Positiv Südtiroler AIDS-HILFE tätig. „Der Verein wurde 1993 als Teil der nationalen Organisation LILA gegründet und im Jahr 2001 unter dem Namen Pro Positiv Südtiroler AIDS-HILFE zu einem eigenständigen regionalen Verein umgewandelt. Es ist eine ehrenamtliche Organisation, die ursprünglich von Menschen gegründet wurde, die selbst von HIV/AIDS betroffen waren. Sie wollten sich zusammenschließen, um das soziale Stigma zu bekämpfen, ihre Rechte zu verteidigen und sich gegenseitig zu unterstützen“, erzählt sie.
Schnelltests
Der Verein habe sich seit seiner Gründung stark verändert, berichtet Pasqualotto weiter, vor allem dank des Fortschritts sowie der sozialen und kulturellen Entwicklungen im Zusammenhang mit HIV. „In den 90-er Jahren war die Sterblichkeit weitaus höher, ebenso wie die Stigmatisierung der Betroffenen. Das Aufkommen antiretroviraler Therapien hat die Lebensbedingungen grundlegend verändert, vorausgesetzt, die Infektion wird frühzeitig erkannt und behandelt. Daraus ergab sich auch die große Bedeutung der Fast Tests, die unsere Gründerin Antonella Diano im Jahr 2012 einführte.“
Das sind Schnelltests, die auch außerhalb eines Krankenhauses gemacht werden können. Pro Positiv bietet diese Tests, neben anderen Services, an: „Nach telefonischer oder schriftlicher Voranmeldung können an unserem Sitz in der Baristraße 14/C anonyme und kostenlose Schnelltests für HIV, Hepatitis B und C und Syphilis durchgeführt werden. Diese Tests sehen auch eine persönliche Beratung vor. Zudem bieten wir Menschen mit HIV und deren Angehörigen psychologische und rechtliche Unterstützung an, um die Lebensqualität zu verbessern und ihre Rechte zu gewährleisten. Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit richtet sich an junge Menschen: In Schulen und Jugendzentren klären wir über HIV/AIDS und die Bedeutung von Safer Sex auf. Wir engagieren uns zudem in lokalen Kampagnen gegen Vorurteile und Diskriminierung. Dabei arbeiten wir eng mit dem Südtiroler Sanitätsbetrieb, anderen Vereinen und Fachorganisationen zusammen.“