Role Models | Der ëres-Fragebogen

Esther Degasperi

// Maria Pichler //
Seit etwa zwei Jahren ist die 40-jährige Esther Degasperi aus Auer Geschäftsführerin des Vereins „Aktive Eltern von Menschen mit Behinderung“ (AEB). Die Sozialpädagogin setzt sich für echte Inklusion, mehr Selbstbestimmung sowie bessere Bedingungen in Schule, Arbeit und Wohnen für Menschen mit Behinderung ein.
© Nathan Chizzali
Wie sehen die Etappen Deines Werdegangs aus?
Bereits als Jugendliche habe ich wertvolle Erfahrung im Ehrenamt gesammelt: in der Jungschar, im Jugendrat, in der Bibliothek und im Pfarrgemeinderat. Nach meinem Studium war ich zunächst bei der Jungschar tätig, bevor ich in der Sozialgenossenschaft gwb mit und für Menschen mit Behinderung und psychischer Erkrankung gearbeitet habe. In dieser Zeit konnte ich auch eine Ausbildung zur Musiktherapeutin absolvieren, mich selbständig machen und meinen Beruf mit meiner großen Leidenschaft, der Musik, verbinden. Seit 2024 bin ich Geschäftsführerin des AEB, seit März 2025 im Vorstand des DZE (Dienstleistungszentrum für das Ehrenamt).
Sind Dir in Deinem Beruf je Tabuthemen oder unausgesprochene Regeln begegnet?
Oh ja, jede Menge: Das beginnt beim Thema Sexualität und Gesundheit von Menschen mit Behinderungen und reicht bis hin zu Frauen und Müttern, die täglich aufgrund einer (unbezahlten) Mehrfachbelastung an ihre Grenzen stoßen. Ich habe oft das Gefühl, dass meine Meinung, meine Erfahrung und mein Wissen weniger zählen – weil ich eine Frau bin. Damit verbunden sind eine Reihe von Tabuthemen: Kinderwunsch, Schwangerschaft und Mutterschaft im privaten Sektor, weshalb Frauen oftmals von vornherein nicht die gleichen Chancen haben wie Männer; sowie die ungleiche Behandlung von Frauen im öffentlichen Dienst und in der Privatwirtschaft, ganz zu schweigen von selbständigen Unternehmerinnen.
Wie hängen für dich Inklusion und Feminismus zusammen?
Beide Themen benötigen mutige, starke Menschen, die nicht aufgeben und mit Energie und Ausdauer ihre Ziele verfolgen. Wir brauchen mehr denn je Visionen, neue Wege und Konzepte – und nicht zuletzt das
Vertrauen auf eine fairere Zukunft.
Wer beeindruckt Dich besonders?
Es gibt viele Frauen und Männer, die mich tagtäglich beeindrucken und motivieren: Frauen, die ihr Schicksal annehmen und herausfordernde Lebenswege mit Positivität, Geduld und Stärke meistern. Ehrenamtliche AEB-Führungsfrauen, die sich mit unermüdlichem Engagement für eine inklusive Gesellschaft einsetzen. Frauen, die mutige Entscheidungen treffen und ihren eigenen Weg gehen. Freundinnen, die ihren herausfordernden Arbeitsalltag im soziosanitären Bereich nach vielen Jahren nach wie vor gerne ausüben. Männer, die Frauen ermutigen und unterstützen, den eigenen Weg zu gehen, die sich mit Frauen für eine faire Zukunft einsetzen.
Welche Botschaft hast Du an die Frauen und Männer, die behaupten, wir hätten bereits eine gleichberechtigte Gesellschaft?
Ehrlich hinzusehen!

Editorial

Tabú - Tabus

Pssst, darüber spricht man doch nicht: über Geld und über Sexualität, über Depressionen und über Alkoholabhängigkeit, über gewollte oder ungewollte Kinderlosigkeit und über Sternenkinder, über Einsamkeit, Gewalt und Tod. Doch wer bestimmt eigentlich, worüber wir schweigen? Wie kann man dem Unaussprechbaren einen Raum geben und was gilt es dabei zu berücksichtigen? Welche Themen und Haltungen müssen auch in einer offenen Gesellschaft tabu bleiben?
In dieser ëres-Sommerausgabe bringen wir Tabuthemen aufs Tappet, die uns gerade besonders beschäftigen. Vor allem aber versuchen wir eine Antwort darauf, woher diese ungeschriebenen Gesetze stammen, die bestimmte Themen in unserer Gesellschaft verbieten, welche Rolle Journalismus und Medien beim Brechen von Tabus spielen, und warum – bei aller Rede- und Meinungsfreiheit – das Sagbare eine Grenze braucht: nämlich dort, wo es um Würde und Respekt geht – offline im wahren Leben, aber auch online im World Wide Web.

Wir wünschen Ihnen eine gute Lektüre und einen schönen Sommer,
Maria Pichler - Chefredakteurin