Ein anderes Wort, ein anderer Blick
Manchmal braucht es keine große Veränderung, denn manchmal reicht auch ein Wort auf einem Titelblatt. Aus dem „Südtiroler Landwirt“ wird 2026 einmalig die „Südtiroler Landwirtin“. Nicht, weil das eine das andere ersetzen soll, sondern weil ein Magazin, das die ganze bäuerliche Welt Südtirols begleitet, den Blick für eine Ausgabe bewusst auf jene Frauen richtet, die diese Welt längst mittragen und mitgestalten. Entstanden ist die Idee im Zuge des Internationalen Jahres der Bäuerin. Im Gespräch mit Franziska Gasser und Johanna Höller zeigt sich, dass der Impuls von mehreren Seiten kam. Sowohl die Arbeitsgruppe „Frauen in der Landwirtschaft“ und die Südtiroler Bäuerinnenorganisation als auch die Redaktion des „Südtiroler Landwirt“ beschäftigten sich mit derselben Frage: Wie kann die Rolle von Frauen in der Landwirtschaft stärker sichtbar werden? „Dass aus diesen verschiedenen Impulsen schließlich eine eigenständige Sonderausgabe entstehen konnte, ist der Arbeit des Redaktionsteams des ‚Südtiroler Landwirt‘ und dem Engagement aller Beteiligten zu verdanken“, erklären Gasser und Höller. Der Südtiroler Bauernbund als Herausgeber trägt die Sonderausgabe voll mit. Der neue Titel ist dabei mehr als eine spielerische Änderung. „Der Titelwechsel vom ‚Südtiroler Landwirt‘ zur ‚Südtiroler Landwirtin‘ war für uns letztlich nur konsequent.“ Frauen sollen nicht nur in den Inhalten vorkommen, sondern auch sprachlich sichtbar werden.
Nicht im Hintergrund, sondern am Hof
Denn Sichtbarkeit beginnt auch bei den Worten, die wir benutzen. Eine Frau kümmert sich um Tiere, organisiert Abläufe, trifft wirtschaftliche Entscheidungen, verarbeitet Produkte, arbeitet außer Haus oder entwickelt neue Ideen für den Betrieb. Und trotzdem fällt schnell ein kleines Wort: Sie „hilft mit“. Für Gasser und Höller ist Sprache deshalb ein zentraler Teil der Sonderausgabe. „Ist die Rede davon, dass die Frau am Hof ‚mithilft‘, so werden der tatsächliche Umfang ihrer Tätigkeiten und ihrer Verantwortung untergraben und es wird ein Bild vermittelt, das der Lebens- und Arbeitsrealität vieler Bäuerinnen und Landwirtinnen nicht gerecht wird.“ Wie sich das anfühlen kann, erzählt die beinahe 60-jährige „Mena“ (Philomena) G., die ihren Hof seit vielen Jahren führt: „Ich weiß, was am Hof wann gemacht werden muss, ich treffe Entscheidungen und trage Verantwortung. Und trotzdem fragen manche zuerst meinen Mann. Heute denke ich mir: Man darf ruhig sehen, wer hier den Hof am Laufen hält.“ Ihre Aussage ist weniger eine Anklage und eher eine Erfahrung, die über Jahre so selbstverständlich geworden ist, dass sie kaum ausgesprochen wird. Dabei hat sich längst vieles verändert. Frauen seien heute zunehmend nicht nur in unterstützenden Funktionen tätig, erzählen Gasser und Höller, sondern übernehmen selbst Verantwortung – bei Hofübernahmen, in der Ausbildung, bei wirtschaftlichen Entscheidungen und in der Betriebsführung. „Sie setzen neue Impulse und verbinden landwirtschaftliche Traditionen mit innovativen Ideen.“
„Die Bäuerin“ gibt es nicht
Eine dieser neuen Stimmen ist Viktoria P., 32. Auch sie übernimmt mit dem Blick einer jüngeren Generation Verantwortung und will ihren Hof mit eigenen Ideen weiterentwickeln: „Ich will nicht alles anders machen, nur weil ich jung bin. Aber ich möchte ausprobieren dürfen. Direktvermarktung, neue Produkte, digitale Wege – da gibt es so viele Möglichkeiten. Für mich heißt einen Hof weiterzuführen auch, ihn weiterzudenken.“ Zwischen Mena und Viktoria liegen fast drei Jahrzehnte. Ihre Lebensrealitäten unterscheiden sich, und doch gehören beide zum selben Bild. Denn „die Bäuerin“ gibt es nicht: Da ist die Hofübernehmerin ebenso wie jene Frau, die seit Jahrzehnten gemeinsam mit ihrer Familie wirtschaftet. Die Nebenerwerbsbäuerin. Die Direktvermarkterin. Die Fachfrau, die Tradition bewahrt, und jene, die einen neuen Betriebszweig aufbaut. „Es sollen die vielfältigen Lebens- und Arbeitsrealitäten von Frauen in der Landwirtschaft sichtbar gemacht und ein zeitgemäßes Bild der Rolle und des Wirkens von Bäuerinnen und Landwirtinnen vermittelt werden“, erklären Gasser und Höller. Jede Form des Bäuerin- oder Landwirtinseins sei gleichermaßen wertvoll und gleichwertig. Diese Vielfalt soll sich auch in der „Südtiroler Landwirtin“ zeigen. Interviews, Porträts und Erfahrungsberichte treffen auf Fachthemen von Absicherung über Produktion und Verarbeitung bis hin zu Gewaltprävention. „Es soll aufgezeigt werden, was für eine zentrale und unverzichtbare Rolle die Frau am Hof einnimmt und wie vielseitig der Begriff der Bäuerin und Landwirtin zu verstehen ist“, sagen Gasser und Höller.
Sichtbar, obwohl längst da
Frauen müssen ihren Platz in der Landwirtschaft nicht erst finden. Sie sind längst da. Von rund 16.300 landwirtschaftlichen Betrieben in Südtirol werden jedoch nur etwa 17 Prozent von Frauen geführt, in Entscheidungsgremien landwirtschaftlicher Genossenschaften liegt ihr Anteil bei rund fünf Prozent. Das Internationale Jahr der Bäuerinnen und Landwirtinnen schafft Raum, diese Arbeit stärker wahrzunehmen. Nicht gegen die Landwirtschaft, sondern gemeinsam mit ihr. Auch das Frauenbüro und der Landesbeirat für Chancengleichheit tragen diesen Gedanken mit und setzen sich dafür ein, Frauen in der Landwirtschaft mehr Sichtbarkeit und Mitsprache zu geben. Die Sonderausgabe bleibt dabei eng mit dem „Südtiroler Landwirt“ verbunden: „Die ‚Südtiroler Landwirtin‘ entspricht in ihrer Struktur dem Aufbau des ‚Südtiroler Landwirt‘“, erklären Gasser und Höller. Inhaltlich stehen für diese Ausgabe Frauen im Mittelpunkt, sämtliche Beiträge stammen zudem von Autorinnen.
Miteinander sichtbar werden
Die „Südtiroler Landwirtin“ ist nur ein Teil des Themenjahres. Wie wichtig dabei auch Begegnung und Austausch sind, zeigte der sommerliche Cocktailabend auf dem Lahnerhof in Marling: Knapp 200 Gäste folgten der Einladung des Landesbäuerinnenrats und des Landesbeirats für Chancengleichheit und diskutierten darüber, was Bäuerinsein heute bedeutet. „Es geht um Sichtbarkeit und Mitsprache. Daran müssen wir gemeinsam weiterarbeiten“, brachte es Ulrike Oberhammer, Präsidentin des Landesbeirats für Chancengleichheit, auf den Punkt. Auch Franziska Gasser und Johanna Höller, die die Podiumsdiskussion moderierten, begleiteten damit einen Austausch, der denselben Gedanken weiterträgt wie die Sonderausgabe: Frauen nicht erst einen Platz zu geben, sondern sichtbar zu machen, welchen sie längst einnehmen. Zwölf Bäuerinnen-Porträts und weitere Veranstaltungen führen diesen Gedanken durch das Jahr. Am Ende wünschen sich Gasser und Höller, dass vor allem eines hängen bleibt: „Die Vielfältigkeit und Vielseitigkeit des Wirkens von Frauen in der Landwirtschaft.“ Ein einziges Wort auf einem Titelblatt verändert keine Rollenbilder über Nacht. Es kann aber den Blick auf etwas lenken, das längst da ist: auf Frauen, die Höfe führen, entscheiden, bewahren und Neues beginnen. Auf Landwirtinnen.
Die Arbeitsgruppe Frauen in der Landwirtschaft
wurde im Sommer 2025 zwischen dem Landesbeirat für Chancengleichheit für Frauen, dem Versuchszentrum Laimburg, der Südtiroler Bäuerinnenorganisation und dem Frauenmuseum Meran gegründet und ist beim Landesbeirat für Chancengleichheit angesiedelt.