Titelgeschichte

Hoch hinaus und doch geerdet

// Maria Pichler //
Die eine liebt es, auf der Erde und mit der Erde zu arbeiten, die andere ist auf dem besten Weg, Pilotin zu werden und abzuheben: Karoline Terleth (41) aus Salurn und Silvia Barulli (20) aus Trient. Zwischen den beiden Frauen, ihren Berufswegen und Lebenszielen liegen Welten – und doch gelingt es ihnen bodenständig, beharrlich und mutig ihr eigenes Ding zu machen. ëres hat der Bäuerin und der Pilotin dieselben Fragen gestellt und gemerkt: Man kann hoch hinaus wollen – und doch geerdet bleiben.
Karoline Terleth © privat - Silvia Barulli © European Aviation Academy/Fiumicino (Roma)
Wie sind Sie Bäuerin / Pilotin geworden?


Karoline Terleth:
Meine Eltern hatten einen kleinen Bauernhof, doch ich wollte hinaus in die Welt. In München habe ich Kommunikation und Ethnologie studiert, im Praktikum bei der „Abendzeitung“ aber gemerkt, dass Journalismus nicht das Richtige für mich ist. Also habe ich nochmals von vorne begonnen und mit einem Master in Biologie mein Studium abgeschlossen. In der Abschlussarbeit beschäftigte ich mich mit dem Zusammenhang zwischen Humus und Wildverbiss, in der Zwischenzeit hatte ich auch meinen Jagdschein gemacht. Nach acht Jahren in der Großstadt aber habe ich gemerkt: Ich will zurück nach Südtirol. Neben meinem Job half ich meinem Vater im Weinberg – ein Arbeitsplatz bei Tageslicht, frischer Luft und Vogelgezwitscher. Als meine Mutter am Knie operiert wurde, übernahm ich den Haushalt und begann, mit dem zu kochen, was gerade da war – fast ohne Supermarkt. Das weckte die Lust, uns saisonal zu ernähren und selbst zu „gartln“. Die Finger in die Erde zu stecken gab mir ein Gefühl der Ruhe, der Verbundenheit und des Ankommens, das sich richtig anfühlte. Ich wusste: Das ist das Leben, das ich führen will.


Silvia Barulli:
Mein Berufsweg ist aus einer großen Leidenschaft für die Luftfahrt entstanden. Schon als Kind war ich durch meinen Vater – Hubschrauberpilot bei der Finanzpolizei in Bozen – in dieser Welt zuhause. Ab der dritten Oberschule habe ich dann die anspruchsvolle Ausbildung zum Erwerb der Privatpilotenlizenz (PPL) begonnen. Nach zahlreichen Stunden Theorie, Flugschule, Flügen und Prüfungen bin ich im April 2024 an der Flugschule Italfly am Flughafen Gianni Caproni in Trient PPL-Pilotin geworden.
Was hält Sie in Ihrem Beruf „geerdet“?


Karoline Terleth:
Geerdet hält mich vor allem eines: bei der Arbeit am Hof so oft wie möglich barfuß zu gehen. In der vergangenen Woche haben wir Kartoffeln geerntet, und da habe ich wieder gespürt: Es gibt nichts Schöneres, als barfuß zu arbeiten – da spüre ich die Energie unserer Mutter Erde, die mich durchströmt. Das liebe ich.


Silvia Barulli:
Fliegen schenkt eine außergewöhnliche Perspektive auf die Welt, doch die Physik und die Verantwortung erinnern einen daran, wo man wirklich steht. Was mich fest am Boden hält, ist dabei vor allem die disziplinierte Einhaltung der Vorschriften: Jede Prozedur, jede einzelne Checkliste vor dem Start ist ein Realitätscheck, der keinen Raum für Oberflächlichkeit lässt. Dazu kommt der menschliche Faktor, der von zentraler Bedeutung ist: die Kolleginnen und Kollegen, das Leben im Cockpit, die Arbeit am Flughafen und vor allem der Alltag abseits der Startbahnen. Die persönlichen Beziehungen und die Normalität des täglichen Lebens erinnern mich daran, wer ich wirklich bin, wenn ich die Uniform ablege – so gelingt es mir, stets ein Gleichgewicht zwischen der Leidenschaft für den Himmel und der alltäglichen Realität zu bewahren.
Welche Verantwortung spüren Sie?


Karoline Terleth:
Ich spüre eine große Verantwortung unseren Hoftieren gegenüber: Ziegen, Schafe, Hennen, Bienen, Wachteln, Schweine… Ihr Wohl liegt mir am Herzen: Unsere Schweine haben etwa viel mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben, an dem sie frei herumlaufen dürfen. Verantwortung trage ich aber auch für unsere Mitarbeiter*innen, die ich als eine „erweiterte Familie“ sehe – und nicht zuletzt für die Natur, deshalb betreiben wir eine biologische Landwirtschaft. Wir können gar nicht anders arbeiten: Ein Teil des Hofes gehört uns, einen Teil haben wir gepachtet. Das macht aber keinen Unterschied, es ist alles geliehen. Ich darf jetzt ein paar Jahrzehnte an diesem Ort wirken und die Erde bebauen – ein Bauer, eine Bäuerin ist ja jemand, der oder die bebaut – und dann gebe ich es weiter an meine Kinder oder an andere. Deshalb gilt es so nachhaltig und ökologisch wie möglich zu wirtschaften. Ich will versuchen, einen lebendigen Boden weiterzugeben.


Silvia Barulli:
Ich spüre eine enorme, ständige Verantwortung. In erster Linie gegenüber dem Leben und der Sicherheit der Menschen an Bord, die mir ihre Unversehrtheit anvertrauen. In zweiter Linie gegenüber der Besatzung und dem Umgang mit der Maschine selbst.
Wovon sind Sie in Ihrer Arbeit besonders abhängig?


Karoline Terleth:
Ganz klar vom Wetter und vom Klima. Und vom Wasserkreislauf. Der Klimawandel ist auf jeden Fall eine große Herausforderung: Wir merken es an neuen Schädlingen und neuen Krankheiten. Da wird es so schnell nicht langweilig. Es ist heute in Europa zwar nicht so, dass Trockenheit und Missernten eine Hungersnot nach sich ziehen, aber die Preise gehen hoch. Bis zum Schluss merken die Menschen den Klimawandel in ihrer Brieftasche. Wir aber stehen in der ersten Reihe, wir merken es bereits bei der Ernte und bei den Überlegungen, was wir in Zukunft noch produzieren können. Wir müssen unsere Sorten anpassen, wenn nicht die Kultur an sich. Ich weiß nicht, ob wir hier in Salurn in hundert Jahren noch Blauburgunder anbauen…


Silvia Barulli:
Flugsicherheit stützt sich auf zwei Säulen: einerseits die technologische Präzision der Bordinstrumente, andererseits der menschliche Faktor. Alle Pilot*innen sind in hohem Maße auf beides angewiesen. Im Cockpit gibt es keine Einsamkeit – und die darf es auch nicht geben: Die Abstimmung zwischen Kapitän und Copilot, der Dialog mit der Flugsicherung und das Bodenteam bilden ein unsichtbares, aber lebenswichtiges Sicherheitsnetz. Die Instrumente liefern die Daten, aber erst die reibungslose Kommunikation und das gegenseitige Vertrauen im Team machen daraus die richtigen Entscheidungen.
Welche Bedeutung hat Freiheit für Sie?


Karoline Terleth:
Freiheit ist mir sehr, sehr wichtig. Der Name Karoline bedeutet die Freie – und ich bin vom Sternzeichen Wassermann, ein Freigeist. Ich finde es deshalb auch so cool, dass ich den Hof so gestalten kann, wie ich will, mir meine Projekte erfinden darf, meinen Buschenschank starte. Ich bin dankbar, dass mich mein Mann und meine Familie dabei unterstützen. Das Muttersein habe ich dabei als extreme Einschränkung der persönlichen Freiheit erlebt – nicht nur, aber du bist nicht mehr so frei, wenn du Kinder hast. Dadurch, dass ich den Beruf der Bäuerin in einer Großfamilie leben kann, fühle ich mich aber dennoch frei. Klar, einerseits hänge ich am Hof und kann nicht spontan ein Wochenende in Paris buchen. Ich habe keine Freiheiten im Sinne eines modernen Lebensstils. Aber andererseits haben wir am Hof die totale Freiheit, unseren Alltag und unsere Arbeitsroutine so zu gestalten, wie wir wollen. Und dafür bin ich dankbar.


Silvia Barulli:
Freiheit im Flug ist für mich nicht das Fehlen von Regeln, sondern die Fähigkeit, sich innerhalb dieser Regeln souverän zu bewegen. Wenn die Räder vom Boden abheben, spürt man eine unvergleichliche Leichtigkeit und Weite – aber die gibt es nur, weil eine strenge Vorbereitung dahintersteckt. Wahre Freiheit ist das Bewusstsein, die Maschine unter Kontrolle zu haben, auf das Unvorhergesehene vorbereitet zu sein und die Welt aus einer einzigartigen Perspektive erleben zu dürfen.
Welche Rolle spielt das Wetter?


Karoline Terleth:
In meinem Beruf eine fundamentale Rolle. Vom Wetter hängt alles ab.


Silvia Barulli:
Das Wetter ist der erste Ansprechpartner eines Piloten und einer Pilotin: eine höhere Macht, mit der man nie konkurriert, die man aber respektieren und der man sich fügen lernt. Vor jedem Flug ist die Analyse der Wetterbedingungen minutiös. In der Luft bestimmt das Wetter die Entscheidungen, setzt Grenzen und verlangt manchmal, einen Plan zu ändern oder aufzugeben. Und es lehrt vor allem eines: Demut.
Wie erleben Sie Veränderungen in Ihrem Beruf?


Karoline Terleth:
Ich erlebe den Klimawandel sehr stark, wie bereits gesagt. Aber auch die Entwicklung unserer Kinder: Jedes Jahr ist anders und jedes Jahr gestalte ich anders. Heuer haben wir etwa ein vierwöchiges Kinderbetreuungsprojekt in unserem Kastanienhain gestartet, weil ich gemerkt habe, unsere Kinder haben hier das Paradies. Ich wollte, dass auch andere Kinder vom Dorf diese Freiheit erleben dürfen. Das werden wir bestimmt wiederholen.


Silvia Barulli:
Mit großer Aufmerksamkeit und Anpassungsbereitschaft. Die Technik entwickelt sich rasant, die Bordsysteme werden immer präziser und sicherer – da muss man einfach dranbleiben. Beim Klima merken wir die zunehmende Häufigkeit von Extremwetter, das verlangt noch mehr Sorgfalt bei der Planung. Und die ganze Luftfahrtbranche sucht nach nachhaltigeren Wegen – spannend, Teil dieses Wandels zu sein.
Gibt es Momente, in denen Intuition wichtiger war als festgeschriebene Regeln?


Karoline Terleth:
Ja, das passiert sehr oft. Manchmal habe ich das Gefühl, meine Intuition ist meine innere Oma – und dass ich Vorfahrinnen habe, die mir etwas mitgeben. Es gab so Entscheidungen in meinem Leben, die waren nicht rational, sondern intuitiv: von Deutschland wieder heimzukommen zum Beispiel, obwohl mein Professor gerne gesehen hätte, dass ich promoviere. Oder die Umstellung auf pilzresistente Weinreben, mit der wir bereits vor 12 Jahren begonnen haben, was sich angesichts des Klimawandels als goldrichtiger Entschluss bewährt hat.


Silvia Barulli:
Die Regeln wurden ja genau dafür geschaffen, menschliche Fehler zu minimieren – die Checkliste bleibt die erste Richtschnur. Aber Intuition, die oft nichts anderes ist als verinnerlichte Erfahrung und unmittelbares Situationsgespür, spielt eine Schlüsselrolle in den Sekunden, in denen man handeln muss. Sie ersetzt die Protokolle nicht, aber sie hilft zu erkennen, welche Prozedur zuerst dran ist und mit welcher Priorität, wenn's mal nicht nach Plan läuft.
Wie hat Ihr Beruf Ihren Blick auf die Welt verändert?


Karoline Terleth:
Ich sehe, wie viele Menschen Dingen nachrennen, die für mich total unwichtig sind. Im Grunde ist doch unsere Gesundheit das höchste Gut – unsere Gesundheit, aber auch die Lebensmittel, die wir essen. Gesunde Lebensmittel erhalte ich aber nur, wenn ich diese auf einem gesunden Boden anpflanze. So viele Menschen sind aber heute so weit weg von der Primärproduktion und verlieren sich. Dann brauchen sie ganz viel Work-Life-Balance und Yoga, damit sie sich an diesen Ursprung erinnern. Wenn sie aber einen kleinen Garten hätten, wo sie in die Erde greifen, würden sie sich vielleicht leichter tun im Leben.


Silvia Barulli:
Die Erde von oben zu sehen, relativiert alles. Von dort oben verschwinden die geografischen Grenzen, Städte wirken wie kleine Mosaiksteine, und man merkt, wie zerbrechlich und vernetzt unser Planet ist. Das hat mich geduldiger gemacht, aufmerksamer für die Umwelt – und bewusster darüber, wie klein wir sind. Es hat mich gelehrt, alltägliche Probleme zu relativieren und die Schönheit der Komplexität zu schätzen.
Welchen Rat geben Sie anderen Frauen, damit sie auf ihrem Weg geerdet bleiben – ohne abzuheben?


Karoline Terleth:
Sich bewusst zu ernähren. Ich glaube, über die Ernährung machst du ganz viel, das zeigen auch neue Studien. Es ist wissenschaftlich erwiesen: Je diverser deine Bakterien im Darm, desto gesünder bist du, desto besser sind deine Launen, desto geerdeter fühlst du dich. Dann hast du schon eine Work-Life-Balance. Deshalb sollten wir gut darüber nachdenken, wo das gewachsen ist, was wir essen. Und je weniger verarbeitet ein Lebensmittel ist, desto besser ist es für dich und für deine Umwelt.


Silvia Barulli:
Lasst nie zu, dass Stereotype oder die Zweifel anderer bestimmen, wie hoch ihr fliegen dürft. Vorbereitung und Können haben kein Geschlecht: Studium, Disziplin und Entschlossenheit sind die einzigen Dinge, die wirklich zählen. Um mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben, ist es entscheidend, sich mit echten Menschen zu umgeben, die eigenen Wurzeln lebendig zu halten und nie zu vergessen, wo man herkommt. Man muss nicht wählen zwischen den eigenen Ambitionen und der eigenen Identität – man kann hoch hinaus und trotzdem ganz bei sich bleiben.
Karoline Terleth
(41) lebt mit ihrer Großfamilie am Ansitz Dornach in Salurn. Unabhängig von ihrem Mann, der für seine Bioweine bekannt ist, setzt sie dort ihre eigenen Projekte um: Sie hält ihre eigenen Tiere, hat den Garten ihrer Schwiegermutter übernommen und den Gemüseanbau ausgebaut. Seit 2025 führt die Bäuerin einen Buschenschank. Der Kreislauf, das zu essen was sie selbst produziert, ist es, was ihr das Gefühl gibt, am Ansitz Dornach verwurzelt zu sein.
Silvia Barulli
(20) ist in Trient aufgewachsen und hat mit 17 Jahren als jüngste Pilotin Italiens ihre Fluglizenz erhalten. Seit rund zwei Monaten lebt sie in Florida (USA), wo sie ihre Ausbildung zur Berufspilotin fortsetzt. Im Moment weiß sie noch nicht, ob sie nach der Ausbildung nach Europa zurückkehren wird: Sie sagt von sich selbst, dass sie sich nicht besonders an einen Ort gebunden fühlt.

3 Fragen an …?

Jutta Tappeiner

© Andergassen
1. Welche Rolle(n) spielen Frauen in der Landwirtschaft?
Frauen sind heute Betriebsleiterinnen, Unternehmerinnen, Gastgeberinnen und Bewahrerinnen von Traditionen. Sie verbinden wirtschaftliches Denken mit Verantwortung für Familie, Hof und Gemeinschaft und gestalten die Zukunft der Landwirtschaft mit Wissen, Kreativität und Innovationskraft.
2. Was kann das Internationale Jahr der Bäuerin verändern?
Es schafft Sichtbarkeit für die vielfältigen Leistungen der Bäuerinnen. Wir wünschen uns mehr Wertschätzung, Chancengleichheit und Anerkennung, sowie stärkere soziale Absicherung. Gleichzeitig kann es junge Frauen ermutigen,
Verantwortung in der Landwirtschaft
zu übernehmen.
3. An welchen konkreten Initiativen arbeiten Sie in Ihrer Arbeitsgruppe gerade?
Wir beschäftigen uns mit unterschiedlichen Themen, die Frauen in der Landwirtschaft stärken, wie Weiterbildung, Rahmenbedingungen für Frauen in Führungspositionen, Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Ehrenamt und fördern Vernetzung.