Role Models | Der ëres-Fragebogen

Gertraud Heiss

Naturverbunden, familiär, bodenständig, verlässlich, selbstbewusst, vielseitig, zielstrebig, weltoffen: So wird die Südtiroler Bäuerin des Jahres 2026 beschrieben. Die 35-jährige Försterin Gertraud Heiss Rier gestaltet mit ihrer Familie die Landwirtschaft am Gschtraffhof in St. Valentin/Kastelruth aktiv mit und verbindet dabei traditionelles Wissen mit gelebter Naturverbundenheit, Verantwortungsbewusstsein, Leidenschaft und Innovationsfreude.
© SBO


Wie sehen die Etappen deines Werdegangs aus?
Ich bin im Sarntal aufgewachsen und habe schon als Kind gelernt, wie wichtig Natur, Familie und Zusammenhalt sind. Ich liebe es schon immer, wenn ich draußen arbeiten kann – auf dem Feld, im Garten und bei den Tieren. Nach meiner Ausbildung zur Försterin durfte ich viele wertvolle Erfahrungen im Wald und in der Natur sammeln. Durch die Liebe bin ich auf den Gschtraffhof in St. Valentin gekommen. Heute genieße ich die vielfältige Arbeit am Hof. Ich schätze es vor allem, dass ich die gesamte Arbeit mit meiner Familie erledigen kann und unsere Kinder zur Betreuung nicht in fremde Hände kommen. Jeder Lebensabschnitt hat mich geprägt und mir gezeigt, wie vielseitig und schön das Leben als Bäuerin ist.
Bist du Feministin?
Ich würde mich nicht in erster Linie über einen Begriff definieren. Für mich bedeutet Gleichberechtigung, dass Frauen und Männer ihre Stärken einbringen können und sich gegenseitig unterstützen. Am Hof arbeiten wir als Familie auf Augenhöhe zusammen. Mir ist wichtig, dass jede Frau ihren eigenen Weg gehen kann – unabhängig davon, ob dieser in der Landwirtschaft oder in einem anderen Beruf liegt.
Was beschäftigt dich gerade?
Der Spagat zwischen Familie, Hof und Beruf. Mir ist wichtig, für unsere beiden Kinder da zu sein und gleichzeitig unseren Betrieb nachhaltig weiterzuentwickeln. Dabei beschäftigen mich Themen wie Artenvielfalt, Klimawandel und die Frage, wie wir unseren Hof zukunftsfähig gestalten können, ohne unsere Wurzeln zu verlieren.
Wie hat sich das Frau-Sein am Hof verändert?
Frauen waren auf den Höfen schon immer unverzichtbar. Heute wird ihre Arbeit sichtbarer und stärker anerkannt. Viele Frauen bringen neue Ideen ein, übernehmen Verantwortung und führen Betriebe erfolgreich. Gleichzeitig bleibt die Herausforderung, Familie, Beruf und Landwirtschaft gut miteinander zu vereinbaren. Ich wünsche mir, dass diese Leistungen noch mehr Wertschätzung erfahren.
Was oder wer erdet dich?
Meine Familie gibt mir Kraft und Halt. Außerdem ist die Natur mein größter Ausgleich. Ob im Wald, im Garten oder bei den Tieren – dort komme ich zur Ruhe und finde neue Energie. Diese Momente erinnern mich daran, was im Leben wirklich wichtig ist.
Welche Botschaft hast du für Frauen, die sich für die Landwirtschaft interessieren?
Habt Mut, euren eigenen Weg zu gehen und euch etwas zuzutrauen. Die Landwirtschaft bietet unglaublich viele Möglichkeiten, sich einzubringen und etwas zu bewegen. Bewahrt das Wissen früherer Generationen, seid aber gleichzeitig offen für Neues. Mit Leidenschaft, Ausdauer und Freude kann man viel erreichen.

Editorial

Geerdet - Radicate

Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2026 zum Internationalen Jahr der Frauen in der Landwirtschaft erklärt. Für uns Grund genug, ein Thema aufzugreifen, das weit über die Landwirtschaft hinaus uns alle betrifft: GEERDET – RADICATE. Was braucht es, um sich an einem Ort verwurzelt zu fühlen, im Moment präsent, stabil? Was erdet uns, und was hält uns am Boden, wenn wir hoch hinauswollen? Das haben wir in unserer Titelgeschichte Bäuerin Karoline Terleth und Pilotin Silvia Barulli gefragt, die zwar sprichwörtlich in zwei unterschiedlichen Welten leben und doch mehr gemeinsam haben, als es auf den ersten Blick scheint.

In dieser ëres-Herbstausgabe sprechen wir außerdem mit der Südtiroler Bäuerin des Jahres Gerti Heiss, der Yoseikan-Budo-Lehrerin Brigitte Morandell, der Produktionsleiterin des Teatro la Ribalta Paola Guerra und weiteren Frauen darüber, was sie brauchen, um den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren – und mehr.

Wir wünschen Ihnen eine gute Lektüre, Maria Pichler - Chefredakteurin