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Wie KI die Medizin menschlicher macht

// Jenny Cazzola | Centaurus //
Künstliche Intelligenz scheint im Moment allgegenwärtig zu sein. Auch in der Medizin wird sie eingesetzt.
Dr.in Selena Milanovic ist Expertin für Medizintechnik und weiß, wie KI in der Medizin eingesetzt wird. © Dr.in Selena Milanovic - Ingrid Heiss
Dr.in Selena Milanovic arbeitet in der Medizintechnik-Industrie und ist in europäische Politik- und Regulierungsinitiativen eingebunden, die Künstliche Intelligenz (KI) betreffen.
„In der Medizin wird KI bereits seit Jahren eingesetzt, oft unbemerkt im Hintergrund. Ein zentrales Feld ist die Bildgebung: KI unterstützt Ärztinnen und Ärzte dabei, Tumore oder Gefäßverengungen früher und präziser zu erkennen. Daneben gibt es KI-Systeme zur Optimierung von Krankenhausabläufen, etwa zur besseren Planung von Operationen oder zur Reduktion von Wartezeiten. Neu hinzu kommen speziell entwickelte Sprachmodelle, die Ärztinnen und Ärzte bei der Dokumentation, oder der Kommunikation mit Patientinnen und Patienten unterstützen.“
Der Einsatz von KI in der Medizin birgt für Milanovic viele Vorteile: „KI kann Medizin präziser, effizienter und menschlicher machen. Sie hilft, Krankheiten früher zu erkennen, Therapien individueller anzupassen und medizinisches Personal zu entlasten. Zeit, die heute für Bürokratie und Dokumentation verloren geht, kann wieder dem Menschen gewidmet werden: dem Gespräch, der Empathie, der Betreuung. Gerade in Regionen mit begrenzten Ressourcen kann KI zudem dazu beitragen, Versorgung gerechter zu verteilen.“
Die KI als Chance für Südtirol und die Menschen
So eine Region ist für Milanovic Südtirol. Denn die alternde Bevölkerung, die abgelegenen Täler und die häufig weiten Wege zur medizinischen Versorgung seien große Herausforderungen. „Genau hier kann KI einen enormen Mehrwert leisten - etwa durch Telemedizin, intelligente Diagnostik oder digitale Betreuungskonzepte.“
Der Einsatz von KI in der Medizin stünde in Südtirol aber noch ganz am Anfang, was Milanovic als Chance sieht. „Es gibt bereits Pilotprojekte im Bereich Telemedizin, digitale Patientenakten und erste KI-gestützte Anwendungen in der Bildgebung.“
Fortschritt mit Augenmaß
Viele Menschen stehen der Anwendung von KI in der Medizin skeptisch gegenüber. Milanovic versteht das. „Viele Menschen haben Angst vor Entmenschlichung, Kontrollverlust oder dem Missbrauch sensibler Gesundheitsdaten. Diese Sorgen sind ernst zu nehmen. Transparenz, Datenschutz und klare ethische Leitlinien sind entscheidend, um Vertrauen aufzubauen. KI darf nicht über Menschen entscheiden, sondern unterstützen.“
Deshalb ist es ihr wichtig zu betonen, dass KI kein rein technisches Thema sei, sondern eine gesellschaftliche Entscheidung. Technischer Fortschritt sei kein Selbstzweck, sondern müsse den Menschen dienen. Aber: „Wenn wir Künstliche Intelligenz mit Augenmaß, Mut und Menschlichkeit einsetzen, kann sie gerade im Gesundheitswesen zu einem echten Fortschritt werden.“

Herstory

Gesundheit und Aktivismus im Archiv

// Lisa Settari | Frauenarchiv //
Sexuelle Gesundheit durch Information und Beratung – AIED hat damit Geschichte geschrieben. Das Frauenarchiv Bozen hütet das Südtiroler Kapitel dieser Geschichte.
AIED, posizione 82, Manifestazione "Riprendiamoci la notte" 1977 - Frauenarchiv
„Gesundheit“ bedeutet auf feministisch auch das Kennen des eigenen Körpers, seiner Potentiale und Grenzen, das Wissen über die Prozesse, die er durchläuft und die Warnsignale, die er abgibt. Zugang zu sexueller Aufklärung, Verhütungsmitteln und Schwangerschaftsabbrüchen gehören daher schon lange zu den Grundforderungen vieler feministischer Bewegungen. Besonders die sogenannte zweite Welle der Frauenbewegung zwischen den späten 1960-er und den frühen 1980-er Jahren wird mit der Gründung von entsprechenden Vereinen und Einrichtungen in Verbindung gebracht. Dabei wurde der Italienische Verein für demografische Erziehung (AIED) bereits 1953 in Rom gegründet. Obwohl dieser Name nicht nach Revolution klingt, forderte AIED von Beginn an tiefgreifende politisch-juristische Veränderungen. Ein zentrales Ziel war die Aufhebung des Paragrafen 553 im Strafgesetzbuch, einem Überbleibsel aus dem Faschismus, das in abgeänderter Form bis heute in Kraft ist. Der besagte Absatz verbot jegliche Verbreitung von Informationen über Verhütungsmittel und wurde schließlich 1971 vom Verfassungsgerichtshof abgeschafft. Die erste AIED-Beratungsstelle wurde 1955 eröffnet. Es sollte allerdings noch 18 Jahre dauern, bis in Bozen eine AIED-Sektion gegründet wurde. Möglich wurde dies durch das Engagement der feministischen Gruppe „Alexandra Kollontai“, zu der auch die Bozner Rechtsanwältin und Landtagsabgeordnete Andreina Emeri gehörte. Emeri wurde die erste Präsidentin der Bozner AIED-Sektion, die seit 1992 nach ihr benannt ist. Der Verein war bis 1979 die einzige Anlaufstelle für Themen wie sexuelle Gesundheit und Verhütung in Südtirol und stieß in einem konservativen Umfeld nicht selten auf Widerstand. Während AIED Bozen über die Jahrzehnte wuchs, wurde der Fundus an Vereinsdokumenten selbst zu einem Mehrwert für feministische Forschung und Aktivismus in Südtirol. Tatsächlich ist der AIED-Bestand der erste, den das 2003 gegründete Bozner Frauenarchiv erwarb. Zu diesem Bestand gehören u.a. Texte über die von AIED angebotenen Dienste, Sitzungsprotokolle, Tätigkeitsberichte, Förderungsanträge, Korrespondenz, Tagungsprogramme, Pressemitteilungen und Bildmaterial. Damit bildet er eine Fundgrube für Forscher*innen, Studierende, Journalist*innen und alle Interessierten, die sich mit der Südtiroler Frauen- und Gendergeschichte und insbesondere der Geschichte des regionalen Feminismus der 1970-er und 1980-er Jahre auseinandersetzen. In den vergangenen 13 Jahren wurde der Bestand im Frauenarchiv Bozen von neun Personen elfmal konsultiert und floss so in Artikel, Abschlussarbeiten und Studien ein.
© privat
Lisa Settari ist seit Mai 2024 Vorstandsmitglied im Frauenarchiv Bozen/Archivio storico delle donne di Bolzano. Studium der Politikwissenschaften und der Europäischen Frauen- und Gendergeschichte. Derzeit lehrt sie am Germanistikinstitut der Universität Paris Nanterre.