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Eine Depression mit Ablaufdatum
// Kathinka Enderle //
Anna ist 27 und lebt mit einer Depression, die kommt und geht. PMDS ist eine Erkrankung, bei der sich mit dem Zyklus auch die Psyche verändert und einige Tage im Monat bestimmt, wie hell sich ihr Leben anfühlt.

Karolina Grabowska © pexels
Wenn die Zeit kippt
Anna lacht gerne, trinkt ihren Kaffee schwarz und vergisst regelmäßig ihre Pflanzen zu gießen. Wenn sie nicht arbeitet, verbringt sie ihre Zeit mit ihrem Freund, trifft Freundinnen und diskutiert über Gott und die Welt und vor allem über das, was wohl die Zukunft bringt. Anna hat, von Außen betrachtet, ein Leben, das gut funktioniert. Sie sagt selbst, sie wäre oft glücklich, beschreibt ihr Leben aber auch anders: „Mein Leben ist wie eine Kerze. Entweder brennt sie ruhig und hell, oder sie flackert so stark, dass ich Angst habe, sie erlischt ganz und übrig bleibt dann nur noch die Dunkelheit.“ Die meiste Zeit brennt die Kerze stabil. Aber einige Tage vor ihrer Periode verändert sich ihr Licht und damit auch ein Stück weit sie selbst.
„Es ist eine Depression mit Ablaufdatum“, sagt Anna. „Aber erklär das mal jemandem.“
Wenn das Flackern beginnt
Annas Stimmung kippt. Gedanken werden dunkel und beängstigend, sie reagiert gereizt, ist traurig und lebt mit starker Angst. „Ich weiß, dass dieser Zustand wieder geht. Trotzdem fühlt es sich jedes Mal an, als würde ich mich selbst verlieren”. Die Kerze brennt noch, aber sie flackert stark und mit jedem Flackern wächst in ihr die Angst, dass dieses Licht irgendwann doch nicht mehr zurück zu seinem stabilen Zustand findet. „Ich erkenne mich wieder und doch nicht. Ich weiß nur: In dieser Zeit möchte ich nicht in meinem Kopf leben.“
Wenn die Depression kommt und wieder geht
Prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS), heißt das, was Anna erlebt. Eine Diagnose, die im ICD-11* verankert ist und dennoch oft übersehen wird. PMDS tritt in der zweiten Zyklushälfte kurz vor der Periode auf. Mit Beginn der Periode bessern sich die Symptome und verschwinden meist wieder. Mindestens ein Symptom ist eine depressive Verstimmung, starke Reizbarkeit und emotionale Instabilität. Hinzu kommen weitere körperliche und kognitive Beschwerden. Wichtig ist der zeitliche Zusammenhang und die zyklische Wiederholung.„Es ist eine Depression mit Ablaufdatum“, sagt Anna. „Aber erklär das mal jemandem.“
Wenn man nicht ernst genommen wird
„Irgendwann wollte ich mir Hilfe holen. Der Hausarzt zuckte mit den Schultern, der Gynäkologe meinte, ich müsse da durch, der Psychiater sagte, ich sei depressiv.” Ein Antidepressivum, eine Schublade, ein Missverständnis. Dabei ist PMDS keine Einbildung und vor allem keine persönliche Schwäche. Die Symptome entstehen im Zusammenspiel von Hormonveränderungen und individueller Vulnerabilität und verursachen schlimmen Leidensdruck. „Mein Leiden wurde gesehen, aber niemand hat gefragt, warum es jeden Monat wiederkam”, erzählt sie. „Ich war nicht schwach“, sagt Anna. „Ich war zyklisch.“
Wenn das Licht hält
„Wenn die Periode einsetzt, beruhigt sich das Flackern. Die Kerze hat wieder ihre stabile Flamme. Dann denke ich oft: War es wirklich so schlimm? Und ein paar Wochen später weiß ich wieder: Ja. War es.“ PMDS fordert Aufmerksamkeit, Glauben, kein Abwinken. Psychisches Leiden kann zeitlich gebunden und dennoch real sein. „Das Flackern ist nicht das Problem“, sagt Anna. „Das Problem ist, dass kaum jemand darauf reagiert. Nicht (medizinisch) wegsehen“, wünscht Anna sich. „Das wäre schon viel.”Quellen zu Symptomen: Nayman, S. et al. (2022). Die prämenstruelle Dysphorische Störung (PMDS): Eine neue Diagnose in der ICD-11. Psychotherapeutenjournal, 21, 138-147.
* Die ICD-11 ist die 11. Version der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (aktuell nur in englischer, bald auch in deutscher Sprache verfügbar)
* Die ICD-11 ist die 11. Version der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (aktuell nur in englischer, bald auch in deutscher Sprache verfügbar)

